Gesunde Arbeit

„Das Krokodil in der Arbeitswelt“

Indirekte Steuerung und interessierte Selbstgefährdung

„Gesunde Arbeit“ im Gespräch mit Dr. Klaus Peters über indirekte Steuerung und interessierte Selbstgefährdung. Er gründete und leitet das COGITO Institut für Autonomieforschung in Berlin. Dort werden philosophische Untersuchungen und sozialwissenschaftliche Forschung auf die Praxis des Arbeitsalltags umgelegt.
Klaus Peters, Philosoph, Gründer und Leiter des COGITO-Instituts für Autonomieforschung in Berlin Dr. Klaus Peters
Dr. Klaus Peters, Philosoph, Gründer und Leiter des COGITO-Instituts für Autonomieforschung in Berlin „Bei der indirekten Steuerung wird die Leistungsdynamik von Selbstständigen auf unselbstständig beschäftigte Arbeitnehmer übertragen.“

Viele Beschäftigte stehen heute in der Arbeit unter Dauerstress. ArbeitnehmerInnen gehen krank arbeiten oder arbeiten in ihrer Freizeit, um ihr Arbeitspensum zu schaffen. Arbeitsbedingte psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Sind die Menschen heute weniger leistungsfähig als früher? Was passiert hier?
Dr. Peters: Dass ArbeitnehmerInnen unter Dauerstress stehen, ist nichts vollkommen Neues. Weniger leistungsfähig sind die Menschen natürlich auch nicht. Neu ist, dass Stress heute auf eine neue Art und Weise entsteht. Der Stressaufbau vereinnahmt immer mehr die „Seele“ jeder/s einzelnen Beschäftigten – der eigene Wille wird von neuen Formen der Arbeitsorganisation nicht mehr untergeordnet, sondern genutzt. Dadurch bekommen psychische Belastungen heute eine viel höhere Bedeutung als früher. Grund für diese Entwicklung ist die Einführung prinzipiell neuer Steuerungsformen und Managementtechniken in die Unternehmen. Wir von COGITO schlagen schon seit mehreren Jahren vor, hier von „indirekter Steuerung“ zu sprechen.

Was bedeutet indirekte Steuerung?
Dr. Peters: Die Leute sollen nicht mehr tun, was ihnen gesagt wird, sondern selbstständig auf Rahmenbedingungen reagieren, mit denen sie konfrontiert werden. Es geht darum, die Leistungsdynamik von Selbstständigen – FreiberuflerInnen, selbstständigen Gewerbetreibenden, ExistenzgründerInnen – auf unselbstständig beschäftigte ArbeitnehmerInnen zu übertragen. Wo früher Lob und Belohnungen gewunken und Disziplinarmaßnahmen gedroht haben, wird heute mit winkendem Erfolg und drohendem Misserfolg gearbeitet. Die alltäglichen Arbeitsabläufe folgen immer weniger dem Arbeitsvertrag. Sie werden über Commitments gesteuert. Das sind werkvertragsähnliche Selbstverpflichtungen. Bestimmte Ergebnisse sollen bis zu einer bestimmten Frist vorliegen. Und das verändert alles. Es ist zweifellos gut, wenn die Welt von Zuckerbrot und Peitsche verschwindet, aber die Folgen der indirekten Steuerung für die Menschen und vor allem auch für ihre Gesundheit haben wir noch nicht im Griff.

Sie sprechen in Ihrem Konzept vom „Krokodil in der Arbeitswelt“. Was kann ich mir darunter vorstellen?
Dr. Peters: Das Bild des Krokodils verwende ich für Faktoren, die heutzutage im Unternehmen Druck auslösen, beispielsweise drohendes Outsourcing, drohende Standortschließungen, Wettbewerbsdruck durch Benchmarking und Rankings. Es sind eben die Formen, die bei der/beim Einzelnen den Leistungsdruck verstärken – aber nicht, weil er/sie von Vorgesetzten direkt unter Druck gesetzt wird, sondern indem er/sie selber, selbstständig und in einem gewissen Sinne freiwillig auf die Rahmenbedingungen reagiert, mit denen er/sie konfrontiert wird.

Wie sind die Arbeitsbedingungen in Betrieben, in denen indirekte Steuerung als Managementmethode eingesetzt wird? Wie erkenne ich indirekte Steuerung?
Dr. Peters: Indirekte Steuerung lässt sich gut an zwei Merkmalen erkennen:

  1. Übernimmt mein/e Vorgesetzte/r die Garantie für die Ausführbarkeit dessen, was ich erledigen soll? Das ist die „alte Welt“. Oder wird die Ausführbarkeit zu meinem eigenen Problem, sodass ich bei Schwierigkeiten und Hindernissen selber zusehen muss, wie ich zurechtkomme? Das ist die „neue Welt“.
  2. Genügt es, wenn ich mich auf die fachliche Seite meiner Arbeit konzentriere? („Alte Welt“) Oder muss ich gleichzeitig betriebswirtschaftliche Aspekte – z. B. Kosten-Nutzen-Verhältnisse, Budgetvorgaben u. Ä. – im Blick haben? („Neue Welt“)

Wo führt uns das hin, welche Auswirkungen hat das auf die Beschäftigten?
Dr. Peters: Man arbeitet z. B. länger, als man eigentlich verpflichtet ist, weil man andernfalls Ziele nicht erreicht, im Ranking zurückfällt. Oder man kommt trotz Krankheit zur Arbeit, weil man anders einen erfolgreichen Projektabschluss gefährdet oder befürchten muss, dass man die eigenen Kolleginnen und Kollegen in Schwierigkeiten bringt. Ich habe vorgeschlagen, in solchen Fällen von „interessierter Selbstgefährdung“ zu sprechen. Man wirft die eigene Gesundheit in die Bresche aus Angst vor drohendem Misserfolg. Das Paradoxe daran ist: Man will sich dabei nicht stören lassen.

Was ist hier auf politischer, betrieblicher und persönlicher Ebene zu tun, um gesunde Arbeitsbedingungen sicherzustellen?
Dr. Peters: Praktische Lösungen müssen unter diesen Umständen ihren Weg durch den Kopf jeder/s Einzelnen nehmen. Möglichst jede/r im Unternehmen sollte versuchen, die Wirkungsweisen indirekter Steuerung und ihre Konsequenzen für das eigene Verhalten und das eigene „Seelenleben“ selber zu begreifen. Das kann sich jedoch nicht im einsamen Kämmerlein abspielen. Es setzt eine entwickelte Kommunikation der Menschen im Unternehmen über ihre Arbeitssituation voraus. Auf dieser Grundlage müssen dann aber Beschäftigte selber zunehmenden Einfluss auf die Organisation ihrer Arbeit bekommen. Wenn sie durch neue Organisationsformen vor Probleme gestellt werden, die ihnen niemand abnehmen kann, benötigen sie Arbeitsbedingungen, die es ihnen ermöglichen und sie befähigen und darin bestärken, diese ihre eigenen Probleme selber in die Hand zu nehmen.

Ich danke für das Gespräch!
Interview: Hildegard Weinke, AK Wien

Kontakt
Dr. Klaus Peters
peters@cogito-institut.de
www.cogito-institut.de

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