Gesunde Arbeit

Wie Sie gute Fachbücher erkennen

Es gibt viel gute Forschung – allgemein und auch zu Arbeitszeiten. Manchmal aber können, falls den Empfehlungen in schlechter Fachliteratur gefolgt wird, sogar Menschen gefährdet werden! Dann sind klare Worte erforderlich.
Frau studiert mit Fachbuch Auch „Fachbücher“ können gut oder schlecht recherchiert sein.

Diese Kurzanleitung (illustriert am konkreten negativen Beispiel „Schichtarbeit und Gesundheit“ von Kutscher und Leydecker, erschienen im Springer Verlag, welches der Auslöser dieses Artikels war) soll bei der Unterscheidung zwischen guten und schlechten Fachbüchern helfen.

Check 1: Ist der Verlag seriös?
Trotz seines guten Rufes sagt der Springer Verlag auf Nachfrage allerdings, er habe „bewusst einen Titel platziert, welcher polarisiert“.

Check 2: Ist der Anspruch realistisch?
Ein Titel wie „Die ganze Welt erklärt“ würde kaum ernst genommen. Auch bei diesem Buch ist er riesengroß: Einen umfassenden aktuellen Forschungsstand zu einem so weitreichenden Themenfeld schaffen meist nur große, eingearbeitete Teams in (z. T. jahre-)langer Arbeit.

Check 3: Zu welchen Themen haben die AutorInnen schon publiziert?
Ein Blick in die Literaturliste und AutorInneninformation zeigt viel zu betriebswirtschaftlicher Beratung, aber nur eine einzige Arbeit zu Gesundheit in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift (1996 in „Psychologie heute“).

Check 4: Sind Herangehen und Formulierungen angemessen?
Bei der Darstellung eines Forschungsstandes ist viel Vorsicht und eine bemüht ausgewogene Darstellung üblich. Der Werbetext (und viele Stellen im Buch) deuten auf das Gegenteil hin. Teilweise wird eine abwertende Sprache anderen Positionen gegenüber verwendet.

Check 5: Wird das aktuell verfügbare Wissen gut aufgearbeitet?
Im Buch nicht. Für eines der zentralen Themen „Unfälle und Schichtarbeit“ werden nur drei Forschungspapiere aus Tausenden bereits publizierten verwendet. Auch über die Gründe für deren Auswahl wird nichts gesagt.

Diese kurzen Checks deuten zu Recht auf Probleme mit dem Buch hin.
Und von diesen gibt es einige, zum Beispiel auf S. 70: „Eine Meta-Analyse zum Zusammenhang zwischen Nacht- und Schichtarbeit sowie Unfällen haben wir nicht gefunden.“ Eine gründlichere Suche hätte die breit bekannte Meta-Analyse von Folkard et al. (2006), aktualisiert durch Fischer et al. (2017) inkludiert – beides hervorragende Arbeiten. Diese Analysen berechneten schon vor Jahren Risikoschätzer für Unfälle im Zusammenhang mit Schichtarbeit und für zum Teil deutlich erhöhte Risiken bei Nachtarbeit (insbesondere bei mehreren langen Schichten).

PD Dr. Johannes Gärtner
Obmann der Arbeitszeitgesellschaft –
die deutschsprachige Forschungsgesellschaft zum Thema,
TU Wien, XIMES GmbH

Ausführliche Analyse des Buches auf ximes.com:
https://tinyurl.com/kritik318
Zur Arbeit von Folkard et al. (2006):
https://tinyurl.com/folkard318
Zur Arbeit von Fischer et al. (2017):
https://tinyurl.com/fischer318

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