Gesunde Arbeit

Digitaler Stress

Eine neue Studie der deutschen Hans-Böckler-Stiftung stellt das Ausmaß von Stress durch digitale Technologien in der Arbeitswelt dar und zeigt damit einhergehende Konsequenzen für ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen auf. In der Studie werden 10 spannende Kernergebnisse vorgestellt.

Die zunehmende, schnell voranschreitende Digitalisierung bringt mit der Durchdringung des Arbeitslebens mit digitalen Technologien viele Chancen, aber auch substantielle Risiken und Nachteile mit sich. Es treten rapide Änderungen des Belastungs- und Beanspruchungsprofils von Arbeitnehmern auf, mit denen diese oft nicht umzugehen wissen. Die Folge: digitaler Stress. Die vorliegende Studie ist die erste ihrer Art, die mittels einer groß angelegten Befragung von 2.640 Arbeitnehmern die Verbreitung von digitalem Stress, dessen Einflussfaktoren und dessen Folgen in Deutschland umfassend untersucht. Sie soll ein Verständnis von und ein Bewusstsein für dieses Phänomen herstellen und liefert zehn Kernergebnisse.

Kernergebnis 1: Digitaler Stress von Arbeitnehmern geht mit einer deutlichen Zunahme ihrer gesundheitlichen Beschwerden einher.

Der Anteil an Arbeitnehmern die unter bestimmten gesundheitlichen Beschwerden leiden, nimmt bei jeder der untersuchten Beschwerden zu, wenn das Level an digitalem Stress hoch ist. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer mit hohem digitalen Stress leidet unter Rücken-schmerzen, Kopfschmerzen und allgemeiner Müdigkeit.

Kernergebnis 2: Digitaler Stress verringert die berufliche Leistung.

Damit hat digitaler Stress direkte Auswirkungen auch auf Arbeitgeber. Des Weiteren verringert digitaler Stress die Arbeitszufriedenheit sowie die Bindung an den Arbeitgeber. Auch auf der „soften“ Ebene hat digitaler Stress somit negative Effekte für Unternehmen.

Kernergebnis 3: Hoher digitaler Stress geht mit einem starken Konflikt zwischen Arbeits- und Privatleben einher (Work-Life-Conflict).

Digitaler Stress beeinflusst den privaten Bereich von Arbeitnehmern nicht nur durch seine Auswirkungen auf die Gesundheit, sondern hängt auch mit der Verwischung der Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben und einem Trade-off zwischen der Erfüllung beruflicher und privater Pflichten zusammen.

Kernergebnis 4: Der Digitalisierungsgrad des Arbeitsplatzes ist nicht alleine ausschlaggebend für das Level an digitalem Stress.

Vielmehr tritt digitaler Stress dort auf, wo der Digitalisierungsgrad des Arbeitsplatzes nicht zu den Kompetenzen der Arbeitnehmer passt. Erst das Ungleichgewicht zwischen den Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Technologien und den Anforderungen, die diese an Arbeitnehmer stellen, sorgt für digitalen Stress.

Kernergebnis 5: Digitaler Stress tritt in allen Branchen und Tätigkeitsarten auf.

Besonders hoch digitalisiert sind entsprechend intuitiven Erwartungen die Arbeitsplätze der Informations- und Kommunikationsbranche, aber auch die der Gewerkschaften, Verbände und Parteien. Besonders Arbeitnehmer aus den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen stufen ihre Kompetenz im Umgang mit digitalen Technologien als hoch ein. Über alle Branchen hinweg weisen Führungskräfte den höchsten Digitalisierungsgrad auf und schätzen ihre Kompetenzen am höchsten ein.

Kernergebnis 6: Frauen arbeiten an digitalisierteren Arbeitsplätzen, sehen sich als kompetenter an und haben ein höheres Level an digitalem Stress als Männer.

Frauen nutzen im Durchschnitt 14 unterschiedliche Technologien am Arbeitsplatz, während Männer nur von durchschnittlich 12 digitalen Technologien am Arbeitsplatz umgeben sind. Die höhere (selbsteingeschätzte) Kompetenz der Frauen reicht nicht aus, um den höheren Digitalisierungsgrad auszugleichen, was in einem höheren Level an digitalem Stress resultiert.

Kernergebnis 7: Überraschenderweise ist digitaler Stress bei 25- bis 34-jährigen Arbeitnehmern ausgeprägter als bei anderen Altersgruppen.

In dieser Gruppe und bei den 35- bis 44-Jährigen ist digitaler Stress am stärksten ausgeprägt. Den geringsten digitalen Stress empfinden Arbeitnehmer über 64.

Kernergebnis 8: Die Verunsicherung im Umgang mit digitalen Technologien wird als größter Stressor wahrgenommen, aber auch Unzuverlässigkeit, Überflutung, Verunsicherung, Komplexität, Omni- und Dauerpräsenz.

Mehr als ein Drittel der befragten Arbeit-nehmer (37,5 %) empfinden ein hohes Maß an Unsicherheit. Dem-gegenüber empfinden nur 12,7 % ein hohes Maß an Omni- und Dauerpräsenz der Technologien, die somit unter allen sechs Faktoren von digitalem Stress am schwächsten eingeschätzt wird.

Kernergebnis 9: Paradoxerweise sind über Branchen und Tätigkeitsarten hinweg neben E-Mail die häufigsten digitalen Technologien gerade die, die eine Brückenfunktion zwischen digitaler und physischer Welt herstellen.

Nach E-Mail (von 88 % der befragten Arbeitnehmer genutzt) sind es gerade Drucker, Scanner und Faxgeräte mit ihren physischen Inputs oder Outputs, die mit am häufigsten genutzt werden (81 %).

Kernergebnis 10: Die Daten und Erkenntnisse der Studie legen Maßnahmen nahe, um Fehlbeanspruchungen durch digitalen Stress zu vermeiden.

Das Ziel derartiger Präventionsmaßnahmen ist, ein Gleichgewicht zwischen den individuellen Kompetenzen und den Anforderungen durch Digitalisierung herzustellen. Darunter fallen die Vermittlung und der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien und in der Bewältigung von digitalem Stress (Verhaltensprävention), aber auch ein maßvoller, individuell optimierter Einsatz digitaler Technologien, die Bereitstellung von Support sowie das Design und der Einsatz verlässlicher Technologien (Verhältnisprävention).

Quelle

„Digitaler Stress in Deutschland: Eine Befragung von Erwerbstätigen zu Belastung und Beanspruchung durch Arbeit mit digitalen Technologien“ von Henner Gimpel, Julia Lanzl, Tobias Manner-Romberg und Niclas Nüske, Hans-Böckler-Stiftung, 2018

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