Gesunde Arbeit

Klimaschutz: „Which side are you on?“

Durch den Klimawandel werden sowohl körperliche als auch psychische Belastungen massiv zunehmen. Was kann, was muss der ArbeitnehmerInnenschutz hier leisten?
Schmelzender Gletscher Aktuelle Berichte von KlimaforscherInnen gehen von einer globalen Erwärmung von 3 bis 4 °C bis zum Ende des 21. Jahrhunderts aus.
Demonstration, Schild mit der Aufschrift: There is no Planet B Der Klimawandel ist nicht nur „menschengemacht“, er ist das Resultat des bestehenden politischen und ökonomischen Systems.

George Orwell hat in seinem berühmten Roman „1984“ vom „Doppeldenk“ (im Original „doublethink“) geschrieben. „Doppeldenk“ bedeutet die Fähigkeit, zwei sich widersprechende Vorstellungen gleichzeitig zu akzeptieren. Um an der Macht zu bleiben, setzt die herrschende Elite in Orwells Buch sogar die Regeln der Logik außer Kraft: Mit Doppeldenk wird die Existenz einer objektiven Realität geleugnet und gleichzeitig als Realität akzeptiert.

Haben wir es in puncto Klimapolitik nicht auch mit einem fatalen Doppeldenk zu tun? 2015 hatten die UN-Staaten in Paris beschlossen, den Klimawandel bei der globalen Durchschnittstemperatur bis 2100 auf „deutlich unter 2 Grad Celsius“ zu begrenzen und sich anzustrengen, den Anstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Im Ranking des Klimaschutzindexes, der die klimapolitischen Fortschritte der Nationalstaaten mit dem meisten Kohlendioxid-Ausstoß messen soll, sind die ersten drei Plätze bezeichnenderweise unbesetzt. Kein einziges Land hat bisher die notwendigen Schritte zur Minderung der globalen Erwärmung eingeleitet. In einigen Ländern – darunter Österreich – steigen die Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren sogar wieder an. Die Jahre 2015 bis 2018 waren die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen, die wärmsten 20 Jahre lagen in den vergangenen 22 Jahren. Aktuelle Berichte von KlimaforscherInnen korrigieren die beängstigenden Prognosen und gehen von einer globalen Erwärmung von drei bis vier Grad Celsius bis zum Ende des 21. Jahrhunderts aus.


Die Folgen des Klimawandels
Die Folgen einer solchen Erwärmung sind im wahrsten Sinne des Wortes katastrophal und existenzbedrohend. Mit steigender Temperatur steigt das Risiko eines Kippens des Klimasystems. Durch abrupte, großflächige und irreversible Klimaänderungen werden Ökosysteme gänzlich zerstört. Es droht der Kollaps von Regenwäldern, eine massive Versteppung sowie das Aussterben zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Ein ungebremster Klimawandel wird zudem zu einer weltweiten Nahrungsmittelkrise (Weizen, Mais, Reis etc.) führen und den Kampf um knappe Ressourcen wie Wasser weiter anheizen. Prekäre Ernährungs- und bedrohte Lebenssituationen werden Millionen von Menschen weltweit zu Flüchtlingen machen.

Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Stürme oder Hochwasser werden häufiger werden und zu massiven gesundheitlichen Belastungen führen. Diese Entwicklung ist bereits heute ablesbar: So haben etwa die letzten heißen Sommer mehrere Tausend Tote in Europa gefordert. Laut einer neuen Studie wird sich die Zahl der Hitzetage in Österreich bis Mitte dieses Jahrhunderts verdoppeln.


Was kann, was muss der ArbeitnehmerInnenschutz leisten?
Durch den Klimawandel werden sowohl körperliche Belastungen, wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Extremwettersituationen, Hitze, Kälte, häufige und starke Wetterumschwünge, als auch psychische Belastungen (Depressionen, Psychosen, Traumata) massiv zunehmen. Starker Stress durch den Klimawandel betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, die Natur im Allgemeinen. Maßnahmen, die hier ansetzen und versuchen, den Arbeitsalltag erträglicher zu gestalten (z. B. längere Pausen und kürzere Arbeitszeiten bei Hitzearbeit, umfassendere und wirkmächtigere Instrumente zur Evaluierung psychischer Belastungen), sind zu begrüßen.
Der Schutz von Leben, Gesundheit, Integrität und Würde – so der selbst gesetzte Rahmen des ArbeitnehmerInnenschutzes – bedarf eines Blickes über den Tellerrand bzw. über den eigenen Betrieb hinaus. Für alle etablierten gesellschaftlichen Institutionen gilt, dass sie ihr Anliegen in einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über die herrschende Produktions- und Lebensweise stellen müssen. Die Aufgabe entspricht der Größe und dem Ausmaß des Problems: Der Klimawandel ist nicht nur „menschengemacht“, er ist das Resultat des bestehenden politischen/ökonomischen Systems. Das heißt als Konsequenz nicht weniger, als unsere gesamte Produktions- und Lebensweise zu ändern. Dafür mag es nicht der beste Zeitpunkt sein. Aber der letzte.

Denn mit jedem Tag ohne gezielte Gegenreaktion (so heißt es etwa auch seitens der Ärztekammer Wien) werden die Auswirkungen des Klimawandels zu einer noch größeren wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und letztendlich existenziellen Bedrohung [werden].

Zwar ist es nicht Aufgabe des ArbeitnehmerInnenschutzes, den notwendigen gesellschaftlichen Umbau hin zu einer auf Solidarität und Nachhaltigkeit beruhenden Gesellschaft einzuleiten. Doch der ArbeitnehmerInnenschutz ist verantwortlich dafür, zum Wandel beizutragen. So könnte beispielsweise das Konzept der „Guten Arbeit“ um eine gesellschaftliche, ethische und ökologische Komponente ergänzt werden. Als Bestandteil eines „guten Lebens“ könnte dieses Konzept bestehende Wirtschaftslogiken und Praktiken infrage stellen. Forderungen einer radikalen Arbeitszeitverkürzung ließen sich durch eine ökologische Argumentation bestärken und Forderungen nach mehr Autonomie und Mitbestimmung mit der Frage nach sinnvoller (Bedürfnisse befriedigender) nachhaltiger Produktion verknüpfen.


Which side are you on?
Der Klimawandel respektiert keine nationalen Grenzen, er orientiert sich nicht an bestehenden Zuständigkeiten. Der Klimawandel transzendiert politische Parteien und Organisationen. Das bedeutet nicht, dass er nicht politisch ist. Das bedeutet, dass er die Ausgangslage und die Koordinaten jeglicher politischer Bestrebungen neu bestimmt. Der Klimawandel ist der existenzielle Hintergrund und damit der Bewertungsmaßstab politischer Arbeit schlechthin.
Die Radikalität des Problems bringt eine klare Gegenüberstellung mit sich. Es gilt, entweder die Notwendigkeit zu erkennen und dementsprechend zu handeln, oder nicht. Florence Reece sang einst das berühmte Gewerkschaftslied mit dem programmatischen Titel „Which side are you on?“ („Auf welcher Seite stehst du/steht ihr?“). Angesichts des Klimawandels stellt sich diese Frage für uns in neuer Dringlichkeit. Die Antwort darauf sollte uns nicht schwerfallen.

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