Gesunde Arbeit

Wenn man müde ist, kracht es gerne

„Gesunde Arbeit“ im Gespräch mit Univ.-Doz. Dr. Johannes Gärtner. Arbeitszeiten sind nicht nur mehr oder weniger angenehm. Sie haben Wirkungen auf Gesundheit, Soziales und auch auf die Wahrscheinlichkeit, einen Unfall zu haben.
Dr. Johannes Gärtner: „Gleitzeit (idealerweise Montag bis Freitag untertags) ist das beste Modell.“
Dr. Johannes Gärtner: „Lange Arbeitszeiten bergen Unfall- oder Fehlergefahren wie ein ordentlicher Rausch.“
Univ.-Doz. Dr. Johannes Gärtner Dr. Johannes Gärtner: „Gleitzeit (idealerweise Montag bis Freitag untertags) ist das beste Modell.“
Interview Johanna Klösch mit Univ.-Doz. Dr. Johannes Gärtner Dr. Johannes Gärtner: „Lange Arbeitszeiten bergen Unfall- oder Fehlergefahren wie ein ordentlicher Rausch.“

Sie haben ein Tool zur Berechnung von Risiken aus Arbeitszeiten entwickelt. Was ist das genau?
Lange Arbeitszeiten, Arbeit in der Nacht oder am frühen Morgen ermüden. Müdigkeit erhöht die Fehler- und Unfallwahrscheinlichkeit. Gibt es nicht ausreichend Erholungszeit, steigt diese Ermüdung an, und die Wahrscheinlichkeit von Unfällen nimmt weiter zu. In den letzten Jahren gelang es der Arbeitszeitforschung zunehmend besser, zu verstehen, wie das mit konkreten Arbeitszeiten zusammenhängt. Jetzt können wir z. B. rechnen, um wie viel wahrscheinlicher jemand einen Unfall nach fünf Nachtschichten als nach fünf Frühschichten hat oder nach 12 Stunden statt nach 8. Unterstützt von der AUVA haben wir einen Risikorechner entwickelt, der diesen Prozentsatz berechnet. Er ist unter https://www.eval.at/evaluierung-arbeitszeit nutzbar – Zeiten eingeben, Bericht anschauen, versuchen, Risiken zu verringern.

Wie hängen lange Arbeitszeiten und Unfälle überhaupt zusammen?
Eigentlich ist es eh einfach. Wenig oder schlechter Schlaf ist schlecht: also Nachtarbeit und frühe Starts am Morgen, die ähnlich wie eine Nachtschicht wirken. Lange Tage, also deutlich über 8 Stunden: ganz schlecht. Gescheite Ruhezeiten von 11 oder mehr Stunden zwischen Arbeitstagen sind gut. Gescheite Wochenruhen – oder noch besser Wochenendruhen – von 48 oder mehr Stunden sind gut. Lange Wochenarbeitszeiten oder lange Fahrtzeiten sind wieder schlecht, weil sie automatisch die Ruhezeiten kürzen. Risiken gibt es dabei nicht nur in der Arbeit, sondern auch bei der Hin- und Rückfahrt und eigentlich auch zu Hause.

Weil die Nachtarbeit eine große Rolle für das Risiko hat, sind Unfallrisiken damit ganz besonders ein Thema für Industrie und Dienstleistungsbereiche wie Gastronomie, Verkehr, Gesundheit & Soziales, Reinigung etc. Besonders gut reduzieren viele kurze Pausen das Risiko. Es gibt bei Pausen den interessanten Begriff der „produktiven Pause“, das sind Pausen, die dazu führen, dass es einem nicht nur besser geht, sondern insgesamt mehr weitergeht. Super: besser für Beschäftigte und für Unternehmen und zusätzlich noch weniger Unfälle.


Stichwort Verschnaufpause: Viele ArbeitnehmerInnen wünschen sich heute mehr Freizeit statt einer Gehaltserhöhung. Ist das ein möglicher Weg, um Arbeitszeitrisiken zu senken?
Hängt davon ab. Wenn mehr Pausen gemacht würden oder die Tage kürzer werden würden, würde das Unfallrisiken deutlich senken, besonders bei Schichtarbeit in der Nacht oder mit Nachtanteil. Ab und zu eine 4-Tage-Woche wirkt auch positiv, aber nicht so stark. Verlängerte Urlaubszeiten haben auf Unfallwahrscheinlichkeiten – zumindest nach jetzigem Forschungsstand – wenig Einfluss. Die sind fein und sozial attraktiv, auch wichtig. Bei hohem Unfallrisiko schiene mir eine andere Nutzung überlegenswert.

Gibt es Jobs oder Branchen, bei denen, aus arbeitswissenschaftlicher Sicht, 12-Stunden-Arbeitstage klar abzulehnen sind?
Abzulehnen sind lange Arbeiten, die wenig Erholungsmöglichkeit während der Arbeit bieten (was für sehr viele Arbeiten gilt) bzw. erhöhte Unfall- oder Fehlergefahren mit sich bringen (z. B. im Verkehr oder im Gesundheitswesen) oder sehr belastend sind. Eine einzelne 12-Stunden-Schicht schiebt das Risiko schon deutlich nach oben – ca. 30 Prozent –, aber gut, wenn es ein Einzelfall ist. Wenn es mehrere Tage, oder noch schlimmer, mehrere Nächte in Folge sind, geht es deutlich nach oben. Das kann dann Risikoniveaus erreichen, die einem ordentlichen Rausch entsprechen. Warum das bei Arbeitszeiten vom Gesetzgeber erlaubt wurde, aber im Straßenverkehr verboten ist – ich weiß es nicht. Logisch ist etwas anderes. Die Erlaubnis für kürzere Ruhezeiten in der Gastronomie entspricht vom Risiko her einer Alkoholfahrt. Man kann so ein Risiko natürlich ignorieren. Blöderweise ist das der Biologie recht wurscht und die Unfälle und auch die sozialen Schwierigkeiten sind real.

Was macht eine gute Arbeitszeitgestaltung aus – was raten Sie hier ArbeitgeberInnen?
Wenig Nacht, Wochenende, Abend – das sind gesundheitlich und sozial nachteilhafte Zeiten. Wenn Gleitzeit (idealerweise Montag bis Freitag untertags) möglich ist, ist es das beste Modell. Gleitzeit ist in mehr Bereichen möglich, als sie bisher angewandt wurde. Zum Beispiel haben wir solche Modelle im Zuge unserer Beratungs- und Forschungsprojekte in der Instandhaltung, in Bäckereien, im Service oder in der IT einführen können bzw. vorgefunden. Selbst Beispiele für Gleitzeit in Kombination mit Schichtarbeit gibt es. Sollte Gleitzeit nicht oder nur ein bisschen möglich sein, dann sollte geschaut werden, dass sowohl die Belastung nicht zu hoch wird als auch das Soziale nicht zu lang warten muss. Also nicht viele Arbeitstage in Folge, insbesondere nicht Nacht- und Abendarbeit, aber auch nicht zu lange Tage. Pausen sind super. Neben der Arbeitszeit spielt auch der Umgang damit eine Rolle. Wertschätzung den Beschäftigten gegenüber und ein Ernstnehmen ihrer Wünsche und Schwierigkeiten reduzieren die Belastung. Insgesamt geht es aus meiner Sicht um die Balance der verschiedenen Wünsche, der betrieblichen Anforderungen und die Suche nach nachhaltigen Lösungen.

Wir bedanken uns für das Gespräch!
Interview: Johanna Klösch, AK Wien

Kontakt
Dr. Johannes Gärtner
gaertner@ximes.com
https://www.ximes.com

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