Gesunde Arbeit

Endstation Hitzschlag

LokführerInnen sind an heißen Tagen besonders auf Klimaanlagen angewiesen. Fallen diese aus, leidet nicht nur die Konzentration. Die Kombination aus Flüssigkeitsmangel und belastender Hitze stellt ein erhöhtes Sicherheits- und Gesundheitsrisiko dar.
Erhöhte Temperaturen in Führerständen im Sommer stellen ein ernst zu nehmendes Problem dar – und ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.
Die vida-Gewerkschafter Marco Hörtenhuber-Stuhl, Gerhard Tauchner und Gerald Trofaier fordern einen besseren Schutz für LokführerInnen.
Dieses Foto wurde 2019 von einem Lokführer, der anonym bleiben möchte, aufgenommen.
ÖBB-Zug Erhöhte Temperaturen in Führerständen im Sommer stellen ein ernst zu nehmendes Problem dar – und ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.
Die vida-Gewerkschafter Marco Hörtenhuber-Stuhl, Gerhard Tauchner und Gerald Trofaier Die vida-Gewerkschafter Marco Hörtenhuber-Stuhl, Gerhard Tauchner und Gerald Trofaier fordern einen besseren Schutz für LokführerInnen.
Temperaturanzeige Führerstand Lokomotive, Innentemperatur 48 Grad Celsius, Außentemperatur 39 Grad Celsius Dieses Foto wurde 2019 von einem Lokführer, der anonym bleiben möchte, aufgenommen.

Ein heißer Sommertag, Außentemperaturen von 35 bis 37 °C – das ideale Badewetter für die einen, erschwerende Arbeitsbedingungen für die anderen. So auch für LokführerInnen, denn natürlich stehen Züge an solchen Tagen nicht still. Zwar sind die meisten Führerstände von Triebfahrzeugen, so der offizielle Name der Fahrerkabinen, mit Klimaanlagen ausgestattet, aber nicht immer funktionieren diese auch. Und das spürt man bereits beim Betreten. „Es hat sich angefühlt, als wäre ich in einer Sauna gelandet. Beim Reingehen ist mir fast die Luft weggeblieben“, erinnert sich der Lokführer Rudi S. (Name von der Redaktion geändert) an einen Vorfall im letzten Sommer zurück. In einem Führerstand funktionierte an diesem Tag die Klimaanlage gar nicht, im anderen nur sehr eingeschränkt. Es war die letzte Fahrt des Tages, und so entschied Rudi, die Fahrt dennoch im leicht kühleren, aber immer noch sehr heißen Führerstand anzutreten. „Bis Linz halte ich es aus“, dachte er, „sonst komm ich nie heim.“ Ausgestattet mit einem Liter Wasser machte er sich auf den Weg. Durch die Störung einer Signalanlage war er gezwungen, anzuhalten und zu warten – und das über einen längeren Zeitraum. Im Führerstand wurde es immer heißer, der Wasservorrat war aufgebraucht. Die mittlerweile „brütende Hitze“ kommunizierte er an den zuständigen Fahrdienstleiter.

Plötzlicher Hitzschlag
Direkte Sonneneinstrahlung, steigende Temperaturen und plötzlich ging alles sehr schnell: „Von einer Minute auf die andere ist mir kalt geworden. Zuerst habe ich noch geschwitzt und dann auf einmal Schüttelfrost.“ Es ging sogar so weit, dass Rudi sich aus dem Fenster hinaus übergeben musste. Was darauf folgte, war eine Kette an Gesprächen: erst mit dem Fahrdienstleiter, dann mit dem Notfallkoordinator und im Anschluss mit der mittlerweile eingeschalteten Berufsrettung. Immer wieder die Frage, ob es ihm wirklich so schlecht gehe. „Ich bin immer schwächer geworden und habe mich im Stich gelassen gefühlt.“ Eine Rettungskette, die sich für den geschwächten Lokführer ewig anfühlte, bis er schlussendlich ins Krankenhaus gebracht wurde. Nach der zweiten Infusion kam er wieder zu Kräften und wollte nur noch nach Hause.

Kein Einzelfall
Leider ist Rudis Fall kein Einzelfall. Nicht immer sind die Auswirkungen so gravierend, doch erhöhte Temperaturen in Führerständen im Sommer stellen ein ernst zu nehmendes Problem dar – und ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. „In vielen Bereichen der österreichischen Eisenbahnbranche wird die Arbeit in klimatisierten Räumlichkeiten verrichtet. Man darf aber nicht vergessen, dass es einige Berufsgruppen gibt, die die Hitze direkt zu spüren bekommen“, betont Robert Hofmann, Bundessekretär im Fachbereich Eisenbahn der Gewerkschaft vida. Er bezieht sich dabei vor allem auf ArbeitnehmerInnen im Verschub, in der Gleis-Instandhaltung und auf LokführerInnen. „Wir als Gewerkschaft unterstützen sie beispielsweise an besonders heißen Tagen durch die Verteilung von Wasserflaschen.“

Marco Hörtenhuber-Stuhl aus dem Fachbereich Eisenbahn, Plattform Lokfahrdienst der vida, beschreibt ähnliche Situationen, in denen LokführerInnen einen enormen Druck verspüren: „Einerseits wollen sie Fahrgäste pünktlich an ihr Ziel bringen, andererseits stoßen sie bei hohen Temperaturen körperlich rasch an ihre Grenzen. Wenn einem der Schweiß den Nacken hinunterläuft, kommt es zu einem körperlichen Unwohlsein. In Kombination mit Flüssigkeitsmangel ist das schnell gesundheitsgefährdend.“ Dazu kommt noch der Sicherheitsaspekt: „Es darf nicht sein, dass bei der hohen Konzentrationsanforderung und Verantwortung eines Lokführers eine Ablenkung durch die Hitze besteht.“ Er gibt außerdem zu bedenken, dass das Öffnen der Fenster im Führerstand – falls dies aufgrund der Geräusch- und Zugbelastung bei schnellen Fahrtgeschwindigkeiten überhaupt möglich ist – oft keine Alternative darstellt.


Dringender Handlungsbedarf
Gerhard Tauchner, stellvertretender Vorsitzender des Fachbereichs Eisenbahn der vida und Zentralbetriebsratsvorsitzender der ÖBB-Produktion, kennt die Problematik der Temperaturabsenkungsanlagen in den Führerständen: „Hier ist vor allem der Gesetzgeber gefragt, verbindliche Grenzwerte zu definieren.“ Findet ein/eine LokführerIn dann dennoch erhöhte Temperaturen in seinem/ihrem Führerstand vor, muss zudem für zusätzliche Pausen und Erholungsphasen gesorgt sein, um diese Belastung auszugleichen. „Vor allem braucht es Richtwerte, wie lange man solchen Temperaturen standhalten kann. Welcher Lokführer würde sonst sagen, dass er nicht mehr kann, wenn der Druck, den Arbeitsplatz zu verlieren, im Hinterkopf herumschwirrt?“, gibt Hörtenhuber-Stuhl zu bedenken. Diesen Gedanken hatte auch Rudi bei seinem Vorfall: „Ich bin eh robust und halte schon ein bisschen was aus, doch dieser Tag hat mir gezeigt: Es kann jeden von uns treffen.“ Im Nachhinein hat er mit KollegInnen über die Frage gesprochen, wieso er nicht früher abgestiegen und nach dem Sichern des Zuges nach Hause gefahren ist. „Gleich gebe ich nicht auf“, war seine Antwort. Und so sieht der Arbeitsalltag nun einmal aus: direkt in der Grauzone zwischen nicht verbindlich festgesetzten Regelungen und der Angst vor Konsequenzen.

Gewerkschaftliche Forderungen
Die Problematik mit immer wieder ausfallenden Klimaanlagen und zu stark aufgeheizten Führerständen vor Dienstbeginn ist nicht neu. Mit Blick auf den bevorstehenden Sommer formuliert Tauchner daher drei zentrale Forderungen, die es schnellstmöglich umzusetzen gilt, um Fällen wie jenem von Rudi S. vorzubeugen:

  • Die Klimaanlagen in den Führerständen müssen regelmäßig gewartet werden.
  • Führerstände müssen an heißen Tagen vorklimatisiert werden.
  • Es muss ausreichend Trinkwasser zur Verfügung gestellt werden.

Nur dadurch können die Sicherheit und Gesundheit der LokführerInnen auch an heißen Tagen gewährleistet werden.

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