Gesunde Arbeit

Gerechtigkeit für die wahren LeistungsträgerInnen

In den vergangenen Wochen war viel von „Heldinnen und Helden der Arbeit“ die Rede. Eine Studie zeigt, wer sie sind und unter welchen Bedingungen sie arbeiten.
AK Präsidentin Renate Anderl
AK Präsidentin Renate Anderl AK Präsidentin Renate Anderl

Die Krise hat ein helles Licht darauf geworfen, wie unverzichtbar die Arbeit dieser Menschen für die Gesellschaft ist: Beschäftigte in den Gesundheitsberufen, im Handel, in der Reinigung, in der Kinder- und der 24-Stunden-Betreuung, im Transportwesen oder bei Lieferdiensten halten das Land am Laufen. In vielen dieser Berufe sind allerdings die Arbeitsbedingungen schlecht und das Lohnniveau niedrig.

„Es sind sich jetzt alle darin einig, dass die sogenannten Systemerhalterinnen und -erhalter für die Gesellschaft insgesamt unverzichtbare Arbeit leisten“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Ich pflichte dem voll und ganz bei. Wir müssen ihnen das aber auch mit der ganz konkreten Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebenssituation zeigen. Es muss an mehreren Rädern gedreht werden – Heldendenkmäler zu bauen, ist definitiv nicht dabei.“ Sie brauchen gute Arbeitsbedingungen, faire Einkommen und Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen.


Hohe Arbeitsbelastung – Pensionsalter kaum erreichbar
Hoher Zeitdruck und starke psychische Belastungen betreffen besonders Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte. Durch die hohen Arbeitsbelastungen glauben viele Beschäftigte in den systemrelevanten Berufen nicht, ihre Berufe bis zur Pension ausüben zu können. Mehr als 6 von 10 der über 45-jährigen Beschäftigten in der Pflege, der medizinischen Betreuung und der Reinigung und sogar 7 von 10 in der Altenpflege und Behindertenbetreuung halten es für unwahrscheinlich, bis zum Pensionsantrittsalter durcharbeiten zu können.

Schwierige Arbeitszeiten und viele Überstunden
Für die meisten Handelsangestellten gehört der Samstag zur Arbeitswoche. Pflegebedienstete, Ärzte und Ärztinnen und Beschäftigte der öffentlichen Sicherheit müssen mehrheitlich auch sonntags oder nachts ihren Dienst verrichten. Die Überschreitung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit gehört für viele zum Alltag. 8 von 10 Beschäftigten in der öffentlichen Sicherheit und in Lieferdiensten müssen zumindest gelegentlich Überstunden machen, 7 von 10 in Gesundheit und Pflege und fast ebenso viele Handelsangestellte.
 
Rund ein Drittel der Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen lebt mit mindestens einem Kind unter 14 Jahren im Haushalt. Für sie sind diese Arbeitszeiten besonders schwierig. 39 Prozent aller berufstätigen Eltern in der Altenpflege und Behindertenbetreuung und rund ein Drittel der BerufsfahrerInnen sowie Handelsbeschäftigten sagen, dass sich ihr Beruf mit der Kinderbetreuung nur mittel bis schlecht vereinbaren lässt. Dementsprechend ist der Wunsch nach planbareren Arbeitszeiten und weniger Überstunden groß.


Die Arbeiterkammer fordert

Kürzere und planbare Arbeitszeiten:

  • Die Erfahrungen mit Kurzarbeit müssen für eine Verkürzung der Arbeitszeit genutzt werden mit dem Ziel einer 35-Stundenwoche.
  • leichtere Erreichbarkeit der 6. Urlaubswoche
  • mehr Möglichkeiten zusammenhängender Arbeit schaffen, Einschränkung von geteilten Diensten, beispielsweise Reinigung untertags statt zu den Randzeiten
  • Flexibilitätszuschlag für Beschäftigte, wenn Dienstpläne weniger als 2 Wochen vor dem Einsatz geändert werden, Recht auf Ablehnung der Änderung

Faire Arbeitsbedingungen:

  • Anspruch auf eine Woche bezahlte Weiterbildung für alle ArbeitnehmerInnen pro Jahr
  • verpflichtendes Übernahmeangebot an LeiharbeiterInnen vom Beschäftigerbetrieb nach einer bestimmten Überlassungsdauer
  • ausreichend Personal bei der Arbeitsinspektion, der Landwirtschaftsinspektion und der Finanzpolizei, um die Einhaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen kontrollieren zu können

Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen verbessern:

  • Personaleinsatz pro Dienst erhöhen: Mindeststandards für die Berechnung, dabei dürfen abwesende MitarbeiterInnen (z. B. Karenzen) und Auszubildende nicht eingerechnet werden
  • verlässliche Dienstpläne im Gesundheitswesen, dauerndes Einspringen ist eine enorme Belastung und ein Hauptgrund warum Beschäftigte den Beruf verlassen
  • Unterstützung in gefährlichen oder überfordernden Situationen, z. B. keine Nachtdienste alleine in einer Station/einem Wohnbereich, 2er Teams in den mobilen Diensten bei Einsätzen mit erhöhtem Aggressions- und Gewaltrisiko
  • fairer Umgang mit 24h-BetreuerInnen: gleichberechtigter Zugang zu Familienbeihilfe und zum Härtefallfonds, transparente Regelungen bei der Bezahlung, gesetzliche Regelungen gegen unsaubere Geschäftspraktiken gegenüber den BetreuerInnen – inkl. Sanktionen bei Verstößen

Rechte für LeistungsträgerInnen:

  • Erleichterungen beim Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft für Beschäftigte im Bildungs-, Sozial- oder Gesundheitsbereich, in Kinderbetreuung, Handel, Transport u.a. und automatische Staatsbürgerschaft für ihre in Österreich geborenen Kinder
  • Menschen im Asylverfahren sollen ab dem 6. Monat Zugang zum Arbeitsmarkt inkl. Lehrausbildungen erhalten.
  • Schaffung einer europarechtskonformen Regelung der Familienbeihilfe
  • Bei grenzüberschreitendem Arbeiten müssen die Hürden beim Kinderbetreuungsgeld beseitigt werden.

Faire Entlohnung:

  • Die Kosten der Krise dürfen nicht die ArbeitnehmerInnen zahlen – große Vermögen und Konzerne müssen gerechte Beiträge leisten. Nur so sind angemessene Gehälter in Gesundheit, Bildung und Kinderbetreuung möglich.
  • Umsetzung von 1.700 Euro brutto/monatlich Mindestlohn in den Kollektivverträgen
  • Anhebung des Mehrarbeitszuschlags ab der ersten Stunde auf 50 Prozent
  • volle Einkommenstransparenz in den Betrieben

Die Studie, eine Auswertung des Österreichischen Arbeitsklimaindex der Arbeiterkammer Oberösterreich durch SORA zeigt im Detail, wer diese Beschäftigen sind und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Die Ergebnisse beruhen auf Repräsentativbefragungen von jährlich rund 4.000 unselbständig Erwerbstätigen ab 15 Jahren in Österreich.

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