Gesunde Arbeit

Endstation Sucht?

Sucht am Arbeitsplatz kann viele Gründe haben. Doch Arbeitsbedingungen wie ständiger Druck, Zeitmangel, schlechtes Betriebsklima oder fehlende Wertschätzung erhöhen das Risiko von Suchterkrankungen. Umso wichtiger ist es, im Zuge einer gezielten betrieblichen Suchtprävention diesen Gefährdungen vorzubeugen.
Der riskante Konsum von Suchtmitteln führt zu mehr Fehlzeiten und häufigeren Krankenständen.
Betriebliches Suchtpräventionsprogramm
Das frühzeitige Ansprechen eines Suchtproblems kann der betroffenen Person helfen und eine Veränderung bewirken.
Frau hält Tablette Der riskante Konsum von Suchtmitteln führt zu mehr Fehlzeiten und häufigeren Krankenständen.
Grafik Betriebliches Suchtpräventionsprogramm Betriebliches Suchtpräventionsprogramm
Frau leert Tabletten auf Tisch Das frühzeitige Ansprechen eines Suchtproblems kann der betroffenen Person helfen und eine Veränderung bewirken.

Sucht am Arbeitsplatz? „Nein, in unserer Firma gibt es so etwas nicht!“ Doch so abwegig ist der Gedanke nicht, denn Suchtproblematiken können in jedem Unternehmen auftreten – ganz egal, wie groß oder klein. Und die bittere Realität ist: Sie treten häufiger auf, als man denkt. So sind österreichweit laut Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW) fünf bis zehn Prozent aller Beschäftigten in Unternehmen alkoholkrank oder konsumieren riskant. Und dies sind nur die Zahlen der Abhängigkeit von Alkohol. Hinzu kommen der Missbrauch anderer Suchtmittel sowie Fälle von nicht substanzgebundenem Suchtverhalten.

Arten von Sucht
Wenn von Sucht gesprochen wird, ist damit einerseits eine Abhängigkeit von Suchtmitteln wie Alkohol, Nikotin, Medikamenten oder illegalen Drogen (unter anderem Cannabis, Kokain, Opiate/Heroin oder Halluzinogene) gemeint. Andererseits gibt es sogenannte „Verhaltenssüchte“, die nicht an eine bestimmte Substanz gebunden sind: pathologisches Glücksspiel, Arbeitssucht, Essstörungen, Handy- oder Internetsucht etc.

In Österreich ist Alkohol das Suchtmittel Nummer eins – mit Blick auf Gesundheitskosten, Gewalt und Verkehrsunfälle. Darüber hinaus ist eine starke Zunahme des Konsums von Medikamenten zum Zweck der Verbesserung von Kognition, Emotion oder Motivation zu verzeichnen. Eingesetzt werden beispielsweise Schmerzmittel, Schlafmittel, Entspannungs- und Beruhigungsmittel, Aufputschmittel, Mittel gegen Grippe oder Erkältungen sowie Appetitzügler. Medikamente können aufgrund ihrer Wirkungsweise in vier Kategorien eingeordnet werden: beruhigend, euphorisierend, aktivierend und halluzinogen. Der Gesundheitsreport 2015 der DAK-Gesundheit liefert hier Zahlen für Deutschland: Demnach liegt die Zahl der ArbeitnehmerInnen, die leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente nehmen, bei 6,7 Prozent aller Beschäftigten. Auch auf eine hohe Dunkelziffer von bis zu zwölf Prozent wird hingewiesen. „Vor allem Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten oder unsicheren Jobs gehören zu den Risikogruppen für den Medikamentenmissbrauch“, heißt es im Bericht.


Ursachen und Gründe von Sucht
Doch wie entsteht Sucht? Eines ist klar: Süchtig wird man nicht von heute auf morgen. Eine Abhängigkeit entwickelt sich häufig über einen längeren Zeitraum. Und genau da liegt auch das größte Problem: Zu Beginn bleibt dies oft unbemerkt. Was beispielsweise als Genuss, Probier- und Experimentierkonsum beginnt, entwickelt sich langsam zu einem regelmäßigen und risikoreichen Konsum, der zur Gewöhnung und im nächsten Schritt zur Abhängigkeit führt. Die Konsummotive sind sehr vielfältig und mehrdimensional:

  • Neugierde: Experimentieren, Langeweile, Abwechslung, Austestung von Grenzen und Verboten
  • Gruppe: Profilierung, Position, Zugehörigkeit, Anerkennung, Dynamik, Spaß
  • Kompensation und Selbstmedikation: Betäubung, Verdrängen, Selbstzerstörung, Bewusstseinserweiterung und Leistungssteigerung

Das Ursachenmodell (Sehnsucht – Sucht: Unterrichtsmaterialien zur Suchtprävention, 1998) sieht die Suchtprävention im Spannungsfeld zwischen Suchtmittel, Person, Umfeld und Gesellschaft. Zu den ursächlichen Faktoren des sozialen Umfelds zählen beispielsweise stressauslösende Situationen, Gruppenprozesse, Familie, Schule und Arbeit. Auch die Persönlichkeit ist ein Faktor, bei dem es unter anderem um Selbsteinschätzung, Frustrationstoleranz oder Konfliktfähigkeit geht. Ein weiterer Faktor ist das Suchtmittelverhalten, bei dem die Wirkung, die Verfügbarkeit, die Dosis bzw. das Ausmaß und die Dauer der Einnahme oder Ausübung eine wesentliche Rolle spielen. Als letzter Faktor sind auch die gesellschaftlichen Bedingungen zu berücksichtigen, also beispielsweise die negativen Prognosen, die Werteorientierung, Gesetze etc. Neben den Risikofaktoren der Persönlichkeit und des privaten Umfelds einer Person kann also auch die Arbeit ein entscheidender Faktor bei der Entstehung einer Suchtkrankheit sein.

Einflussfaktor Arbeitsbedingungen
Die schlechte Nachricht: Die Auswirkungen von Suchtverhalten am Arbeitsplatz können gravierend sein. Suchtmittel beeinflussen nicht nur das Verhalten und die Arbeitsleistung der betroffenen Person, sie können sich auch auf die Sicherheit und Gesundheit der KollegInnen auswirken. So sind Alkoholkranke laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) im Durchschnitt um 25 Prozent weniger leistungsfähig. Und der riskante Konsum von Suchtmitteln führt zu mehr Fehlzeiten und häufigeren Krankenständen. Riskant konsumierende ArbeitnehmerInnen sind bis zu 2,5-mal häufiger krank. Und ungefähr jeder dritte Unfall bei der Arbeit und am Arbeitsweg passiert unter Mitbeteiligung von Alkohol und anderen Suchtmitteln.

Die gute Nachricht: Es können Maßnahmen getroffen werden, um betriebliche Suchtprävention zu betreiben, damit es gar nicht erst so weit kommt bzw. im Anlassfall richtig reagiert wird.
„ArbeitgeberInnen haben mit gesunden Arbeitsbedingungen sowie einem guten Betriebsklima einen großen Handlungsspielraum zum Eindämmen von Sucht am Arbeitsplatz“, bestätigt Mag.a Lisa Wessely, klinische und Gesundheitspsychologin, Arbeitspsychologin und Leiterin der Suchtprävention und Früherkennung des Vereins Dialog. Doch welche Arbeitsbedingungen fördern Suchtverhalten und welche eignen sich zur Suchtprävention? Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich auch das Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW) und identifizierte die folgenden Schutz- und Risikofaktoren bei der Arbeit:


Schutzfaktoren bei der Arbeit

  • Balance zwischen Überforderung und Unterforderung
  • Gutes Betriebsklima
  • Anerkennung und Wertschätzung
  • Erbringen von Leistungen ohne ständigen Druck
  • Zeit und Phasen mit weniger Stress
  • Klare Aufgaben
  • Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz

Risikofaktoren bei der Arbeit

  • Ständige Überforderung oder Unterforderung
  • Soziale Spannungen und schlechtes Betriebsklima
  • Fehlende Anerkennung und Wertschätzung
  • Hoher Leistungsdruck
  • Ständiger Zeitmangel und Stress
  • Mangelnde Gestaltungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz

Was können ArbeitgeberInnen tun?
Neben dem Etablieren der eben erwähnten Schutzfaktoren bzw. der Vermeidung der Risikofaktoren rät die SDW ArbeitgeberInnen, alle ArbeitnehmerInnen zum Thema zu informieren und dafür zu sensibilisieren. Denn eines der drei Kernelemente der betrieblichen Suchtprävention ist Wissen: „Informationen sorgen für ein besseres Verständnis im ganzen Betrieb, damit beginnt die Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht.“ Die anderen beiden Kernelemente sind laut SDW „Hilfe statt Strafe“ und die „Entdramatisierung“, denn Abhängigkeitskranke können erfolgreich behandelt werden. „Ziel dieser Maßnahmen ist es, das Thema Suchtmittelkonsum zu enttabuisieren und bei allen ArbeitnehmerInnen und Vorgesetzten ein Problembewusstsein zu entwickeln.“ Zur Verankerung der Suchtprävention braucht es zudem – unter Einbeziehung des Betriebsrates – ein betriebliches Suchtpräventionsprogramm, das neben der Vorbeugung auch Maßnahmen zur Intervention, Beratung und Hilfestellung beinhaltet und die notwendigen betrieblichen Strukturen dafür schafft, die auch im Zuge einer Betriebsvereinbarung festgehalten werden können (siehe Grafik).

Zu den Zielen betrieblicher Suchtprävention zählen

  • die Reduzierung des Suchtmittelkonsums durch alle ArbeitnehmerInnen,
  • der Abbau suchtfördernder Arbeitsbedingungen,
  • das Stärken der suchtverhindernden Ressourcen,
  • ein frühzeitiges Erkennen gefährdeter Personen,
  • schnelle Hilfe für suchtkranke ArbeitnehmerInnen.

Wessely verrät, welche Faktoren sich in der Praxis als wichtig für das Gelingen von Suchtprävention herausgestellt haben: Die Maßnahmen müssen top-down stattfinden, d. h. die Führung muss es wollen. Zudem sollte ein Stufenplan mit Interaktionskette etabliert werden, der auch klar an die ArbeitnehmerInnen kommuniziert wird. Außerdem braucht es Öffentlichkeitsarbeit in der Firma, und als sehr effektiv haben sich Schulungen erwiesen, vor allem für Führungskräfte.

Was können KollegInnen tun?
Oft ist es schwierig, Suchtkrankheiten zu erkennen, denn treten Auffälligkeiten bei einem Kollegen/einer Kollegin auf, kann dies viele Gründe haben. Nicht immer handelt es sich gleich um Suchtverhalten – und selbst wenn die Anzeichen darauf hindeuten, ist es dennoch nicht leicht, dies auch anzusprechen, da Sucht ein sehr tabubehaftetes Thema ist. Und doch sind KollegInnen jene Personen, die jeden Tag zusammenarbeiten und am ehesten bemerken, wenn jemand ein Problem hat. „Das frühzeitige Ansprechen kann der Person helfen und eine Veränderung bewirken“ – deswegen rät die SDW zu folgendem Vorgehen:

  • Der Person mit einer Mischung aus Verstehen-Wollen und Mitfühlend-Sein gegenübertreten
  • Die eigenen Beobachtungen mitteilen
  • Grenzen aufzeigen, was die Akzeptanz des Verhaltens betrifft
  • Über Hilfsangebote oder Anlaufstellen informieren, Kontakte oder Infos anbieten

Vor einem Gespräch sollte man sich also darüber informieren, wo und wie die/der Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen kann.

Wo gibt es Hilfe?
Beratungseinrichtungen und Beratungsangebote österreichweit – Fachstellen für Suchtprävention:

In jedem Bundesland gibt es eine Fachstelle für Suchtprävention, welche vielfältige Angebote und Fortbildungen für unterschiedliche Zielgruppen (z. B. Schule, Jugendarbeit, Familie, Freizeit, Gemeinde, Betrieb) zu verschiedenen Schwerpunktthemen anbietet. Sie sind Ihre Anlaufstellen für gelebte Suchtvorbeugung im Alltag.

https://www.dialogwoche-alkohol.at/vorbeugen/fachstellen/


Burgenland

Fachstelle für Suchtprävention

Telefon: 05 79 79-20015

E-Mail: suchtpraevention@psd-bgld.at

Web: www.suchtpraevention.psd-bgld.at

 

Kärnten

Prävention und Suchtkoordination

Telefon: 05 05 36-15112

E-Mail: abt5.suchtpraevention@ktn.gv.at

Web: http://www.suchtvorbeugung.ktn.gv.at/

 

Niederösterreich

Fachstelle Niederösterreich

Telefon: 02742/314 40

E-Mail: mitmachen@fachstelle.at

Web: http://www.fachstelle.at/

 

Oberösterreich

Institut Suchtprävention

Telefon: 0732/77 89 36

E-Mail: info@praevention.at

Web: http://www.praevention.at/

 

Salzburg

akzente Fachstelle Suchtprävention

Telefon: 0662/84 92 91-44

E-Mail: suchtpraevention@akzente.net

Web: http://www.akzente.net/fachbereiche/suchtpraevention/

 

Steiermark

VIVID – Fachstelle für Suchtprävention

Telefon: 0316/82 33 00

E-Mail: info@vivid.at,

Web: http://www.vivid.at/

 

Tirol

kontact+co Suchtprävention Jugendrotkreuz

Telefon: 0512/58 57 30

E-Mail: office@kontaktco.at

Web: http://www.kontaktco.at/

 

Vorarlberg

SUPRO – Werkstatt für Suchtprophylaxe

Telefon: 05523/549 41

E-Mail: info@supro.at,

Web: http://www.supro.at/

 

Wien

Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien

Telefon: 01/4000-87334

E-Mail: isp@sd-wien.at

Web: https://sdw.wien/de/praevention/isp/

 

Artikel weiterempfehlen

Newsletterauswahl

Newsletter

Geschlecht
Geschlecht:
Name

Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.

Eine Initiative von ÖGB und ÖGB © Gesunde Arbeit 2020