Gesunde Arbeit

Hohe Kosten durch arbeitsbedingte Erkrankungen

Das WIFO hat im Auftrag der Arbeiterkammer die Folgekosten arbeitsbedingter Unfälle und Erkrankungen untersucht. Diese Studie liefert neue, international vergleichbare Zahlen und zeigt im Detail, wie sich diese Kosten zusammensetzen und wer sie trägt. Im Gespräch mit der „Gesunden Arbeit“ erläutert Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) die Kernaussagen der Studie.
Dr. Thomas Leoni, MA, WIFO
Dr. Thomas Leoni im Interview
Kosten im Vergleich/nach Kostenart
Kostenarten
Sichtbare und unsichtbare Kosten
Dr. Thomas Leoni, MA, WIFO Dr. Thomas Leoni, MA, WIFO
Dr. Thomas Leoni, MA, WIFO Dr. Thomas Leoni im Interview
Kosten im Vergleich/nach Kostenart Kosten im Vergleich/nach Kostenart
Kostenarten Kostenarten
Sichtbare und unsichtbare Kosten Sichtbare und unsichtbare Kosten

Was ist das Neuartige an der Studie zu den Kosten arbeitsbedingter Unfälle und Erkrankungen?
Wir haben eine Methodik auf Österreich übertragen, die von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) erarbeitet wurde. Dabei werden nicht nur die medizinischen Behandlungskosten und die Wertschöpfungsverluste quantifiziert, sondern auch andere, oft übersehene Folgen von Unfällen und Erkrankungen thematisiert, wie Präsentismus, Einschränkungen in der Haushaltsproduktion und sogenannte „intangible“ Kosten durch den Verlust an Lebensjahren. Die Kostenschätzung ist somit einerseits umfassender, andererseits auch besser international vergleichbar als frühere Berechnungen.

Mit welchem Zahlenmaterial haben Sie gearbeitet?
Die Datenanforderungen für diese Fragestellung sind extrem hoch, leider liegen nicht für alle Bereiche die erforderlichen Informationen in der gewünschten Qualität vor. Zu einigen Fragen, beispielsweise Arbeitsunfälle, konnten wir sehr gutes Datenmaterial für Österreich heranziehen. In anderen Punkten mussten wir mit gröberen Daten, Annahmen oder auch international verfügbaren Anhaltspunkten arbeiten. Ein sehr kritisches Dateninput sind Schätzungen zum arbeitsbedingten Anteil der Erkrankungen in Österreich. Hier greifen wir, so wie die EU-OSHA, auf eine internationale Datenbank zurück, die ursprünglich von der WHO entwickelt wurde und epidemiologische Daten für alle Länder beinhaltet.

Wie hoch sind die Kosten denn konkret?
Unsere Schätzung summiert sich auf fast 10 Milliarden Euro, bezogen auf das Jahr 2015, das entspricht knapp 3 Prozent des BIP. Zu dieser Zahl sind aber ein paar Hinweise angebracht: Einerseits handelt es sich hier um eine umfassende Schätzung. Wenn wir uns auf die medizinischen Behandlungskosten und die Wertschöpfungsverluste beschränken, ergeben unsere Berechnungen Kosten von etwas weniger als fünf Milliarden Euro. Andererseits ist zu betonen, dass wir in unseren Annahmen sehr vorsichtig vorgegangen sind und auch aufgrund der Datenlücken davon ausgehen müssen, die Kosten eher unter- als überschätzt zu haben. Wenn wir unsere Annahmen leicht verändern, ergeben sich schnell Kosten, die um 20 bis 30 Prozent höher liegen als in unserem Hauptszenario.

Welches Thema ist der Kostentreiber – Arbeitsunfälle oder arbeitsbedingte Erkrankungen?
Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass – in Österreich so wie in anderen Ländern – die Erkrankungen mit mehr als 80 Prozent den Löwenanteil an den Gesamtkosten ausmachen, während der Anteil der Arbeitsunfälle etwas weniger als ein Fünftel beträgt.

Konnten Sie alle Faktoren berechnen bzw. für welche Themen werden in Zukunft mehr robuste Daten benötigt?
Die Wunschliste an Daten ist lang. Von besonderer Bedeutung sind zusätzliche Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Folgen der Belastungen und Risiken in der Arbeitswelt. Während bestimmte Gesundheitsrisiken, wie z. B. der Umgang mit Gefahrenstoffen, bereits recht gut erforscht sind, fehlen vor allem zu psychosozialen Risikofaktoren belastbare Daten.

Welche Personengruppen tragen die Folgekosten und zu welchem Prozentsatz?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Erwerbstätigen selbst den Großteil der Folgekosten arbeitsbedingter Erkrankungen und Unfälle tragen – mit einem Anteil von etwa 60 Prozent. Diese Erkenntnis deckt sich mit anderen internationalen Studien, die sich so wie unsere um eine umfassende Kostenbetrachtung bemühen.

Gehen aus der Studie auch Erkenntnisse zu internationalen Vergleichen hervor?
Unsere Studie knüpft unmittelbar an eine Untersuchung der Europäischen Agentur für fünf europäische Länder an. Aufgrund der Ähnlichkeit im Hinblick auf das Niveau der Wirtschaftsleistung und auf die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates sind unter diesen Ländern Deutschland, Finnland und die Niederlande als Vergleichs- und Referenzgruppe für Österreich von besonderem Interesse. Österreich weist eine ähnliche arbeitsbedingte Krankheitslast auf wie diese Ländergruppe. Allen Ländern gemeinsam ist der Befund, dass die direkten Kosten im Gesundheitssystem, die aus Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Erkrankungen resultieren, nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten ausmachen. Ebenfalls allen Ländern gemeinsam ist die Tatsache, dass der Großteil der Kosten in einer längerfristigen Perspektive von den Beschäftigten zu tragen ist.

Wenn Sie die Ergebnisse sehen, bei welchen Themen und mit welchen Maßnahmen können die meisten Verbesserungen erreicht werden?
Unfälle und Erkrankungen, die zu langer oder gar dauerhafter Arbeitsunfähigkeit führen, verursachen einen sehr großen Anteil der Gesamtkosten. Das ist nicht überraschend, es belegt aber, dass nicht nur die Vermeidung von Unfällen und Erkrankungen einen zentralen Stellenwert haben muss, sondern auch die Frage, wie verunfallte und erkrankte Personen bei der Rückkehr zum Arbeitsplatz und der Wiedereingliederung in Beschäftigung unterstützt werden können.

Und zum Abschluss: Was war für Sie das überraschendste Ergebnis?
Es war interessant festzustellen, dass in einer umfassenden Betrachtung die medizinischen Behandlungskosten, mit einem Kostenanteil von 10 Prozent, einen kleinen Posten darstellen. Spannend ist auch, wie sich die Betroffenheit der Folgekosten verändert, wenn wir uns ein Stück weit vom Arbeitsplatz entfernen und auch Aspekte wie die Haushaltsproduktion berücksichtigen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.
Interview: Julia Nedjelik-Lischka, AK Wien

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