Gesunde Arbeit

„Frauen sind am Limit!“

Die Gesundheitsrisiken, die Krankheitsverläufe und auch die potenziellen Gefahren am Arbeitsplatz unterscheiden sich zwischen Frauen und Männern. Gesundheitliche Chancengerechtigkeit ist für alle Menschen ein Thema, aber Frauen sind von sozioökonomischen Einflüssen, die sich auf die Gesundheit auswirken, wie insbesondere Armut, deutlich stärker betroffen als Männer. Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende, beleuchtet im Gespräch mit der „Gesunden Arbeit“ Aspekte von Frauengesundheit und Arbeitnehmerinnenschutz.
Korinna Schumann: „Ein wichtiger Aspekt ist das Sichtbarmachen der Belastungen von Frauen.“
„Frauen arbeiten vielfach in systemerhaltenden Bereichen, oft unter ungesunden Arbeitsbedingungen und mit unangemessener, niedriger Entlohnung.“
Korinna Schumann ist ÖGB-Vizepräsidentin und ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende Korinna Schumann: „Ein wichtiger Aspekt ist das Sichtbarmachen der Belastungen von Frauen.“
Korinna Schumann ist ÖGB-Vizepräsidentin und ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende „Frauen arbeiten vielfach in systemerhaltenden Bereichen, oft unter ungesunden Arbeitsbedingungen und mit unangemessener, niedriger Entlohnung.“

Wie ist es den Frauen in der Pandemie gegangen?
Mit der Coronakrise wurde der Scheinwerfer auf die Schattenseite der weiblichen Arbeitswelt geworfen, und die großen Nachteile von Frauen am Arbeitsmarkt sind sichtbar geworden: Frauen arbeiten vielfach in systemerhaltenden Bereichen, oft unter ungesunden Arbeitsbedingungen und mit unangemessener, niedriger Entlohnung. Die wichtigen Leistungen und die schwierige Situation der Frauen in den Gesundheitsberufen, in der Pflege, im Handel, in der Kinderbildung und in der Produktion müssen wahrgenommen und anerkannt werden.

Geht Homeoffice für Familien mit Kindern überhaupt zusammen?
Wir haben gesehen, dass während der Coronakrise Homeoffice für viele Frauen bedeutete, nicht nur ihre beruflichen Pflichten erledigen, sondern viele andere Dinge schupfen zu müssen. Zahlreiche Studien und auch unsere eigenen Erfahrungen zeigen nun immer deutlicher: Frauen sind am Limit! Sie waren und sind im Berufs- sowie im Privatleben mit unglaublichen Belastungen konfrontiert und gehen psychisch und physisch an ihre Grenzen. Frauen tragen vielfach Mehrfachbelastungen wie Homeschooling, Homeoffice, Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege von Angehörigen. Alleinerzieherinnen sind davon ganz besonders betroffen.

Doch diese Situation darf keine akzeptierte Selbstverständlichkeit werden – der Notbetrieb ist keine Dauerlösung. Vor allem darf das nicht dazu führen, dass die Kinderbetreuungsangebote nicht ausgebaut werden. Wir brauchen einen raschen Ausbau des flächendeckenden, ganztägigen Betreuungsangebots. Es ist an der Zeit, die Arbeits- und Lebenssituation von Frauen endlich zu verbessern und ihnen die Wertschätzung zu zeigen, die ihnen zusteht. Frauen dürfen nicht die Verliererinnen dieser Krise sein!


Wo siehst du den größten Handlungsbedarf beim Thema „Frauengesundheit und Arbeit“?
Ein wichtiger Aspekt ist die Sichtbarmachung von Belastungen für Frauen. Oft herrscht eine sehr männlich geprägte Sicht auf Problemstellungen vor, und die Perspektive von Frauen ist ein blinder Fleck. Ein Beispiel ist das Heben und Tragen schwerer Lasten, etwa im Gesundheitsbereich.

Ein weiterer Aspekt ist die Berücksichtigung und Anerkennung psychischer Belastungen. Frauen sind im Alltag vielen am Arbeitsplatz unsichtbaren Mehrfachbelastungen ausgesetzt. Man denke an die Entgrenzung im Zuge von Homeoffice oder den Erholungswert eines Urlaubs, wenn es betreuungsbedürftige Familienmitglieder gibt.

Auch die Gewaltprävention sehe ich als zentrales Thema und die große Bedeutung von Vorsorgeuntersuchungen. Die Wichtigkeit dieser beiden Bereiche hat sich gerade im Zuge der Pandemie gezeigt – mit dem Anstieg häuslicher Gewalt und dem Rückgang der Vorsorgeuntersuchungsmöglichkeiten sowie negativen gesundheitlichen Konsequenzen für Frauen.


Auf welche Berufsgruppen trifft das besonders zu?
Beispielsweise ist schwere körperliche Arbeit in vielen Köpfen noch immer männlich besetzt – so wird Heben und Tragen im Gesundheits- und Sozialbereich, in der Kinderbildung und im Handel oft übersehen. Ein anderes Beispiel ist die Lärmbelastung von Elementarpädagoginnen – auch die findet in der Diskussion um Lärmschutz nicht immer Berücksichtigung. Es lassen sich zahlreiche Beispiele finden.

Braucht es mehr Gender im ArbeitnehmerInnenschutz?
Einen Blick aus Genderperspektive auf die Arbeitswelt braucht es jedenfalls. Im ArbeitnehmerInnenschutz kann Gender-Mainstreaming dazu beitragen, geschlechtergerechte Arbeitsbedingungen herzustellen und wirksame Sicherheits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen für alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu treffen. Dazu gehören etwa Maßnahmen wie die Bestellung von Frauen und Männern zu Sicherheitsvertrauenspersonen, die Beteiligung von Frauen und Männern in ArbeitnehmerInnenschutzangelegenheiten oder die systematische Einbeziehung von Genderfragen in die Arbeitsplatzevaluierung.

Sexuelle Belästigung, Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz: Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Was müsste in den Betrieben dagegen getan werden?
Es bräuchte auf jeden Fall mehr Sensibilisierungsmaßnahmen – hier besonders für Führungskräfte. Die Führungskräfte müssen wissen, dass dies ein Thema ist, das viel häufiger vorkommt, als man denkt. Die ArbeitnehmerInnen müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn es solche Situationen gibt bzw. solche Probleme auftauchen – dieses Angebot muss niederschwellig sein, und es muss verschiedene Ansprechpersonen (vor allem weibliche) geben. Verpflichtende Schulungen vor allem für Führungspersonal in regelmäßigen Abständen können für Sensibilisierung und Bewusstmachung sorgen. Auch der Betriebsrat hat hier eine wichtige Funktion genauso wie in großen Betrieben ein Gleichstellungsbeauftragter oder eine Gleichstellungsbeauftragte. Diese sollten als Anlaufstelle bereitstehen. Betriebsvereinbarungen zu diesem Thema sind wichtige und wertvolle Werkzeuge.

Was kann die Betriebsratskampagne „Mir reicht’s!“ zu besseren Arbeitsbedingungen von Frauen beitragen?
Viele Frauen sagen schon seit Langem „Mir reicht’s!“. Gerade der Betriebsrat kann hier im Arbeitskontext helfen, die Arbeitsbedingungen für alle, aber auch natürlich für Frauen zu verbessern. Verhandlungen zur Sonderbetreuungszeit, Unterstützung und Hilfe bei der Suche nach Betreuungsmöglichkeiten von Kindern, klare Betriebsvereinbarungen zu Homeoffice etc. können hier Frauen unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Ingrid Reifinger, ÖGB

Newsletterauswahl

Newsletter

Geschlecht
Geschlecht:
Name

Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten gemäß den Datenschutzerklärung zu.

Eine Initiative von ÖGB und ÖGB © Gesunde Arbeit 2021