Gesunde Arbeit

Systemerhaltend, prekär, unsichtbar: Studie zeigt beschämende Arbeitsbedingungen migrantischer ArbeitnehmerInnen auf

„Als ich diese Halle betreten habe, war ich wieder im Irak“, so ein/e Betroffene/r. Die heute in der Arbeiterkammer Wien veröffentlichte Studie des Instituts für Soziologie der Universität Wien zeigt beschämende Arbeitsbedingungen migrantischer Arbeitskräfte in den Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen, die von Hygiene Austria und der Post AG beauftragt wurden, auf und gibt einen erschreckenden Einblick in die Arbeits- und Lebenssituation dieser Menschen.
Migrantische ArbeitnehmerInnen sind häufig mit prekären Arbeitsbedingungen konfrontiert.
Präsentation der Studie
Arbeiter in einem Paketverteilzentrum Migrantische ArbeitnehmerInnen sind häufig mit prekären Arbeitsbedingungen konfrontiert.
Präsentation der Studie zu den Arbeitsbedingungen migrantischer SystemerhalterInnen Präsentation der Studie

Die Rolle systemerhaltender ArbeitnehmerInnen während der COVID-19-Pandemie hat viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Migrantische ArbeitnehmerInnen sind unter diesen überproportional vertreten. Sie sind damit für die Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens, der Lieferketten oder der Landwirtschaft unverzichtbar. Gleichzeitig waren und sind sie verstärkt von den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen. Aber auch in pandemiefreien Zeiten sind migrantische ArbeitnehmerInnen überdurchschnittlich mit prekären Arbeitsbedingungen und atypischen Beschäftigungsverhältnissen wie befristeter Beschäftigung, (Schein-)Selbständigkeit, Subunternehmertum oder Leiharbeit konfrontiert.
 
In der COVID-19-Pandemie erlebten insbesondere Logistikunternehmen steigende Umsätze – eine Folge des stark gestiegenen Onlinehandels. Die Infektionsfälle in zwei Postverteilerzentren wie auch der Skandal rund um die Hygiene Austria zeigen aber, dass insbesondere migrantische ArbeiterInnen unter ausbeuterischen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen Pakete geschleppt und Masken verpackt haben. Viele der Beschäftigten haben zudem einen Fluchthintergrund, manche von ihnen einen unsicheren Aufenthaltsstatus, was neben Sprachbarrieren und fehlendem arbeitsrechtlichen Wissen ihre Vulnerabilität weiter verstärkt.

In der Pandemie haben Arbeitsfelder temporär öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, in denen überdurchschnittlich Menschen ohne österreichischen Pass in prekären Verhältnissen arbeiten. Das Thema hatte dann Konjunktur, wenn Skandale ans Licht der Öffentlichkeit drangen: Die Infektionscluster in Postverteilzentren in Niederösterreich und Wien sowie der sogenannte „Maskenskandal“ bei Hygiene Austria schafften es für kurze Zeit in die Schlagzeilen. In der Studie wird ein Blick auf die Arbeits- und Lebenssituation migrantischer Arbeitskräfte in den Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen geworfen, die von Hygiene Austria und der Post beauftragt wurden. Um den Handlungsspielraum der öffentlichen Hand, über die Gesetzgebung und Exekutive hinaus aufzuzeigen, wurden mit diesen Beispielen zwei Unternehmen gewählt die eng mit der Politik verwoben sind und viele staatliche Aufträge bekommen.


Starker Ruf nach Kontrollen
Die häufigste Antwort der Interviewten auf die Frage, was sich politisch ändern müsste, damit sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern würden, ist die Verstärkung von Kontrollen der Unternehmen. Denn da es keine Kontrollen über die Firmen gebe, sind die Interviewten überzeugt, „arbeiten sie, wie sie wollen, kündigen, wen sie wollen“ (Abdul - Post, 14.6.2021).

Trotz drei durchgeführter Kontrollen der Arbeitsinspektion bei Hygiene Austria, die allesamt durch Meldungen von Arbeitsunfällen ausgelöst waren, sieht die interviewte Arbeitsinspektorin das Problem rückwirkend darin, dass dem Arbeitsinspektor ein Teil der Produktion nie zugänglich gewesen sei und er den „berühmten Kellerraum“, in dem die massivsten Verletzungen des ArbeitnehmerInnenschutzes stattgefunden hätten, nicht zu Gesicht bekommen habe - also „man kann einen Arbeitsinspektor schon auch an der Nase herumführen“. Eine wichtige Schlussfolgerung der Studie: „Aus den dargestellten Versäumnissen kann die zentrale politische Forderung nach mehr Ressourcen und dabei insbesondere Personal für die Kontrollbehörden gefolgt werden, damit Kontrollen nicht nur punktuell, sondern flächendeckender ausgeübt und damit Verletzungen des ArbeitnehmerInnenschutzes sowie Lohn- und Sozialdumping effektiver bekämpft werden können.“  


Keine Ausnahmeerscheinung
Was die beiden in dieser Studie untersuchten Beispiele offenbaren, sind extreme Fälle von Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte, die sich unter anderem durch unklare Arbeitszeiten, Lohndiebstahl und gesundheitliche Gefährdung auszeichnen. Diese extremen Erfahrungen stellen keine Ausnahmeerscheinungen dar, sondern sind systematisch für Arbeitsverhältnisse unter denen migrantische Arbeitskräfte beschäftigt werden, wie die Biografien der Befragten zeigen. Mehr in der Studie über die Arbeits- und Lebensbedingungen von migrantischen SystemerhalterInnen und LeiharbeiterInnen in Lagerhallen der Hygiene Austria und der Post AG.

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