Gesunde Arbeit

„Du kommst über den Verlust eines Kindes nie hinweg“

Die persönliche Geschichte von Romy Hardon, einer ehemaligen Arbeiterin von DuPont in Dordrecht, die dem fortpflanzungsgefährdenden Lösungsmittel DMA ausgesetzt war.
Romy Hardon Romy Hardon arbeitete von 1977 bis 1988 in der Lycra-Produktion von DuPont in Dordrecht, Niederlande.

Name: Romy Hardon
Alter: 57 Jahre
Exposition: fortpflanzungsgefährdendes Lösungsmittel DMA
Arbeitete von 1977 bis 1988 in der Lycra-Produktion von DuPont in Dordrecht, Niederlande

„Habe ich mir jemals Sorgen gemacht? Wie konnte ich, eine Arbeiterin, wissen, dass ich mit einem gefährlichen Lösungsmittel arbeite?“ Romy Hardon will die Wahrheit wissen. Sie will Gerechtigkeit für sich und für die vielen anderen Frauen sowie Anerkennung für das Leid durch die Schwangerschaftskomplikationen, die das Lösungsmittel DMA verursacht hat.

Im Alter von 17 Jahren begann sie in der Kontroll-Abteilung der Lycra-Fabrik von DuPont in Dordrecht zu arbeiten. Sie war die Tochter von Toon. Jede/r kannte ihren Vater, da er bei Dupont gearbeitet hat, seit die erste (Orlon)Fabrik in Dordrecht 1962 errichtet wurde. Später arbeitete er in der Teflon-Produktion, wo der krebserzeugende Arbeitsstoff C8 verwendet wurde. „Auf seinem Sterbebett hat mein Vater, der damals erst 46 Jahre war, gesagt, ich soll herausfinden, warum er so viele bösartige Tumore bekommen hat.“

Romy ging es gut bei DuPont. Alte Videoaufnahmen aus den 1980er-Jahren zeigen, wie die Frauen, die Arme tief in den Spulen mit Lycra-Garn, diese kontrollieren und in Kartons verpacken. „Der Gestank war widerlich: Wir haben den ganzen Tag mit dem Lösungsmittel gearbeitet“, erklärt sie. „Das Lycra muss in die Luft gelangt sein. Schutzausrüstung? Nein, natürlich nicht. DuPont war das sicherste Unternehmen weltweit; das haben wir zumindest geglaubt. Wenn du den Handlauf nicht benutzt hast, bist du ermahnt worden. Wenn wir Überstunden machen mussten, hat uns ein Taxi nach Hause gebracht. Sie haben Auszeichnungen gewonnen. Und immer wieder wurden wir medizinisch untersucht, obwohl wir die Ergebnisse nie bekommen haben.“

Romy musste ständig zum Gynäkologen. Sie hatte andauernd Blutungen und es wurden mehrere Kürettagen gemacht. 1985 wurde sie schwanger. Im 8. Monat kam es zu Komplikationen. Sie kämpft mit den Tränen, als sie uns von Wesley erzählt. „Auf einmal habe ich mich wirklich sehr krank gefühlt, meine Nieren haben nicht mehr gearbeitet, die Leber und die Blutgerinnung haben nicht mehr funktioniert, ich hatte eine Schwangerschaftsvergiftung. Auf der Intensivstation hatte ich eine Totgeburt. Ich besuche das Grab von Wesley jeden Monat. Du kommst über so eine Erfahrung nie hinweg.“

Sie ging zurück in die Lycra-Fabrik. Ihre folgenden Schwangerschaften waren alle mit Komplikationen verbunden und es sah so aus, als könnte sie nie Kinder haben. Dann bekam sie 1988 ein Mädchen und 1993 einen Buben. Daraufhin wurde ihr die Gebärmutter entfernt. „Später wurde klar, dass alle Frauen Fehlgeburten, Totgeburten, Gebärmutterentfernungen oder Krebs hatten“, sagt Romy. „Meine Mutter war ebenfalls durch meinen Vater DMA ausgesetzt und hatte im 6. Monat eine Totgeburt von Zwillingen. Ich bin sicher, DuPont wusste von den Gefahren für Menschen im gebärfähigen Alter. Es war alles bekannt. Und es gibt solide Beweise: Ein altes Video zeigt, wie wir ohne irgendwelche Schutzausrüstung gearbeitet haben. Viele Frauen hatten die gleichen Symptome, und von der Substanz war bekannt, dass sie junge Frauen und Männer schädigt. Gerechtigkeit muss sein, auch wenn es 20 Jahre dauert.“


Autor: Pien Heuts, Journalist

Die Zeitschrift „HesaMag“ des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) berichtete in der Ausgabe 14/2016 über die gesundheitsschädigenden Auswirkungen des Lösungsmittels Dimethylacetamide (DMA), das in einem Unternehmen von DuPont in den Niederlanden zur Herstellung von Lycra verwendet wurde.
Wir bringen die persönlichen Geschichten von mehreren Betroffenenen als Artikelserie.

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