Gesunde Arbeit

ArbeitnehmerInnenschutz als Suchtprävention

Wenn von „Sucht“ die Rede ist, wird meist von einem persönlichen Problem ausgegangen. Tatsächlich sind es aber allgemeine gesellschaftliche Strukturen, die Menschen in die Sucht treiben. Wer diese unberücksichtigt lässt, verdeckt, was zu hinterfragen wäre.
ArbeitnehmerInnen greifen vermehrt zu Suchtmitteln – zur Leistungssteigerung und um abschalten zu können.
Frau mit Whiskeyglas und Hand voller Tabletten ArbeitnehmerInnen greifen vermehrt zu Suchtmitteln – zur Leistungssteigerung und um abschalten zu können.

Sucht ist kein individuelles Problem. Sie entsteht aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse. Der Einfluss der Arbeitswelt dabei ist gravierend, wenngleich nicht unmittelbar zu erfassen. Denn die Effekte, die Arbeitsbedingungen auf ArbeitnehmerInnen haben, folgen keiner arithmetischen Logik. Betrachtet man Sucht als gesellschaftliches Problem, so lassen sich zwei aktuelle Tendenzen der Suchtmittelverwendung im Zusammenhang mit der Arbeit ausmachen. Einerseits werden Alkohol (und andere Mittel) weiterhin zur Ablenkung oder zur Minderung der arbeitsbedingten Belastungen verwendet. Diese „kompensatorische Orientierung“ hat lange Tradition. Auf sie verweist bereits Friedrich Engels in seiner bekannten Arbeit über das Leben und die Lage der ArbeiterInnen im frühindustrialisierten England (1845). Noch heute ist diese kompensatorische Verwendung von Suchtmitteln (allen voran Alkohol) weit verbreitet. In Zeiten von steigendem Arbeitsdruck, Stress und Konkurrenz sowie einer erschwerten Abgrenzung von Arbeit und Freizeit werden Substanzen wie Alkohol, Nikotin, Cannabis etc. konsumiert, um von der Arbeit abschalten zu können.

Suchtmittel als Turbo?
Gleichzeitig hat sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine zweite Anwendungsweise etabliert. Zur Kompensation kommt die vermeintliche Optimierung der Leistungsfähigkeit dazu. Vermehrt werden Substanzen zur direkten Leistungssteigerung eingesetzt. Aufgrund sehr kurzer und schneller Produktionszyklen, aufgrund gestiegener Konkurrenz und rasanten technologischen Fortschritts verlieren erlernte Kompetenzen schnell an Wert. Beschäftigte sind demnach ständig aufgefordert, ihre Arbeitskraft attraktiv zu erhalten. Dies geschieht teils durch oft exzessive Weiterbildung (lifelong learning) oder eben durch die Erweiterung der Leistungsfähigkeit durch Substanzen. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass es strukturelle Veränderungen der Arbeitsbedingungen braucht, wenn die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen gesichert (oder gar gefördert) werden soll.

Strukturelle Änderungen nötig
Neben weniger Arbeitsvolumen, Druck und Kontrolle sowie mehr Selbst- und Mitbestimmung am Arbeitsplatz braucht es gesellschaftliche Rahmenbedingungen: existenzsichernde Einkommen, mehr Zeit für Familie und Freunde, für Hausarbeit, Erziehung und Pflege, für kulturelle und politische Teilnahme.

Ein emanzipatorischer ArbeitnehmerInnenschutz verknüpft betriebliche Bestrebungen (etwa Evaluierung der psychischen Belastungen) mit sozial- und gesellschaftspolitischen Bemühungen für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung, für eine geschlechtergerechte Verteilung von Arbeit und für existenzsichernde Einkommen. Und wird damit zu einem notwendigen Mittel gesellschaftlicher Suchtprävention.

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