Gesunde Arbeit

Interview: Hilfe für die Psyche

Im Interview mit gesundearbeit.at kritisieren Alexander Heider (AK Wien) und Ingrid Reifinger (ÖGB) die zunehmenden psychischen Belastungen der ArbeitnehmerInnen in der Arbeitswelt und zeigen Lösungsansätze auf.
Hilfe für die Psyche
Ingrid Reifinger, ÖGB
Alexander Heider, AK Wien
Hilfe für die Psyche
Ingrid Reifinger, ÖGB
Alexander Heider, AK Wien

Neben dem klassischen ArbeitnehmerInnenschutz im Sinne von Unfallverhütung und Arbeitssicherheit gewinnen Fragen der betrieblichen Gesundheitsförderung, der psychischen Belastung und das Reizthema Burn-out immer mehr an Bedeutung. Sind das Modeerscheinungen oder stecken dahinter reale Entwicklungen und Ursachen?

Reifinger: Nein, das sind keine Modeerscheinungen. Die Arbeitswelt hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren grundlegend verändert. Aktuell arbeiten bereits zwei Drittel der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich, wo sie zum Teil mit hohen emotionalen Anforderungen konfrontiert sind. Darüber hinaus haben neue Managementmethoden Verbreitung gefunden, in denen die menschlichen Potenziale durch neue Steuerungs- und Organisationsformen wie Projektarbeit, Teamarbeit, Zielvereinbarung usw. bestmöglich für das Unternehmen ausgeschöpft werden.  Die Psyche der ArbeitnehmerInnen wird dadurch bei Weitem stärker und intensiver beansprucht als noch vor einigen Jahrzehnten.
Ergebnisse von europaweiten Befragungen von ArbeitnehmerInnen zeigen, dass in Österreich der berufliche Alltag vielfach durch hohe Arbeitsintensität und Zeitdruck geprägt ist. Beide Stressfaktoren nehmen in Österreich seit 1990 kontinuierlich zu. Wir zählen mit diesen hohen Umfragewerten zu den Spitzenreitern in Europa.

Heider: Die Menschen hinter den Statistiken sind real und bilden nur die Spitze des Eisberges ab. Psychische Überforderung ist weder künstlich aufgebauscht noch eine kurzfristige Modeerscheinung. In den letzten Jahren stiegen psychiatrische Krankheiten drastisch an. Sie liegen bereits an 3. Stelle bei der Anzahl der Krankenstandstage mit 3,1 Millionen Tagen (2011) und damit sogar vor den Arbeitsunfällen (2,4 Mio. Tage). Krankenstände aufgrund arbeitsbedingter psychischer Belastungen dauern deutlich länger und die gesamtwirtschaftlichen Kosten belaufen sich in Österreich auf rund 3,3 Milliarden Euro jährlich. Die Novelle zum ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) mit der Evaluierung psychischer Belastungen ist ein erster wichtiger Schritt mit dem Ziel den negativen Trend zu stoppen. In der betrieblichen Gesundheitsförderung sind nur sehr bescheidene Erfolge erzielt worden. Sie ist ein Minderheitenprogramm bei österreichweit gerade einmal 346 Gütesiegel-Betriebe. Ohne stärkerer Verpflichtung bleibt sie was sie ist: Schlagobers für innovative Unternehmen, die erkannt haben, dass die Gesundheit ihrer Beschäftigten ein Wettbewerbsfaktor ist.

Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für Unternehmen, ArbeitnehmerInnen und deren Interessenvertretungen?

Reifinger:
Maßnahmen, die an der Person ansetzen, wie individuelle Ernährungsberatung, Entspannungstrainings, Angebote in Richtung Nordic Walken usw. sind für die KollegInnen im Betrieb immer unterstützend, um dem Stress individuell die Stirn bieten zu können. Aber nachhaltig sind sie nicht. Die Ursachen für arbeitsbedingte Belastungen liegen zumeist in den betrieblichen Organisationsstrukturen sowie der Informations- und Führungskultur in einem Unternehmen. Wir setzen da sehr auf die Umsetzung der Evaluierung der psychischen Belastungen in den Betrieben, die seit 1. Jänner 2013 ausdrücklich im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz verlangt wird.

Heider:
Mit der jüngsten Novelle regelt das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) die Ermittlung und Beurteilung psychischer Belastungen und Gefährdungen am Arbeitsplatz. Dabei sind Arbeits- und Organisationspsycholog/innen einzubeziehen. Sie verfügen über die Kompetenz die Evaluierung zu planen, durchzuführen und bei der Ableitung passender Maßnahmen zielführend zu beraten. Sicherheitsvertrauenspersonen (SVP) und Betriebsräte sind wichtige Partner in diesem Prozess. Gewerkschaften und Arbeiterkammern erreichen täglich Anfragen zu diesem Themenkomplex. Viele Betriebe haben die Vorteile bereits für sich erkannt und wollen die Vorgaben erfüllen. Sie sind entweder in der Phase der Vorbereitung und Planung der psychischen Arbeitsplatzevaluierung, holen Angebote von Arbeits- und Organisationspsycholog/innen ein oder sind in der Erhebungsphase. Manche können schon Ergebnisse vorweisen. Die Umsetzungsaktivitäten sind eine erfreuliche Entwicklung. Entscheidend ist, welche geeigneten Maßnahmen getroffen und welche Wirkungen an den Arbeitsplätzen spürbar werden.

Sind das Themen, bei den "alle in einem Boot sitzen" oder gibt es Punkte, auf die ArbeitnehmerInnen und deren Interessenvertretungen besonders achten müssen?

Reifinger:
Allzuleicht wird im Betrieb die Ursache für Erschöpfung und Burnout-Erkrankungen einzelnen KollegInnen zugeschrieben: zu wenig stressresistent, zu wenig belastbar, zuviel Stress im Privatleben usw. BetriebsrätInnen und Sicherheitsvertrauenspersonen müssen hier immer wieder darauf hinweisen, dass dies besonders die Auswirkungen von schlechten Arbeitsbedingungen und von Mängeln der Arbeitsorganisation sind, wie eine viel zu dünne Personaldecke, ständiger Zeitdruck, eine hohe Arbeitsmenge, kurzfristig gesetzte Termine, fehlende Informationen usw.

Heider: Bei der Bekämpfung psychischer Arbeitsbelastungen stehen wir erst am Anfang. Es braucht noch viel Überzeugungsarbeit, trotz eindeutiger gesetzlicher Verpflichtung und der Schwerpunktbildung bei Kontrollen durch die Arbeitsinspektion. Entscheidend ist, dass in den Betrieben Primär- und Verhältnisprävention wirksam und beteiligungsorientiert auf allen Ebenen gemeinsam wirkungsorientiert betrieben wird, egal unter welchem Titel Prävention tatsächlich stattfindet. Am Ende des Tages geht es immer um menschengerechte Arbeitsgestaltung, die den arbeitswissenschaftlichen Kriterien Stand hält.

Warum ist es denn so schwer, das Thema der Gesundheitsförderung im betrieblichen Alltag auf den Boden zu bringen, vom schönen Reden zum wirksamen Handeln zu kommen?

Reifinger: Gesundheit im Betrieb herzustellen ist immer ein Prozess. Dies erfordert auch ein prozessbezogenes systematisches Vorgehen mit klar definierten Strukturen im Betrieb. Die Lösungen um z. B. psychische Belastungen im Unternehmen zu reduzieren, liegen oft nicht auf der Hand. Sie müssen entwickelt werden, besonders wenn es um Verbesserungen bei der Arbeitsorganisation geht. Ohne aktive Einbindung der KollegInnen wird das nicht funktionieren. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang auch das Wissen von ExpertInnen, wie z.B. von Arbeits- und OrganisationspsychologInnen, die es leider nicht verpflichtend in den Betrieben gibt.

Heider: Solange betriebliche Gesundheitsförderung auf völliger Freiwilligkeit beruht, wird ihre Verbreitung sehr begrenzt bleiben. Zweifelsohne ist die gesetzliche Evaluierung psychischer Belastungen ein bedeutender sozialpolitischer Fortschritt. Weiterführende Maßnahmen sind unerlässlich. So sind Arbeits- und Organisationspsycholog/innen wie Sicherheitsfachkräfte und Arbeitsmediziner/innen als gleichberechtigte Präventivfachkräfte im ASchG zu verankern. Ich meine, dass Arbeitgeber/innen deren fachliche Unterstützung brauchen, weil psychische Erkrankungen, geminderte Arbeits- und Leistungsfähigkeit oder Störungen der Arbeitsorganisation betriebs- und gesamtwirtschaftliche Kosten auslösen, die mittlerweile ein beachtlicher Wettbewerbsfaktor geworden sind.

Ist der klassische Arbeitnehmer/innenschutz tot?

Reifinger: Alle wollen wir einmal unsere Pension genießen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist Gesundheit im Alter. Diese hängt aber vielfach von der Qualität der Arbeitsbedingungen in der Phase der Berufstätigkeit ab. Wenn unser Ziel ist, dass die KollegInnen gesund das gesetzliche Pensionsantrittsalter erreichen, dann brauchen wir mehr und nicht weniger ArbeitnehmerInnenschutz. Das betrifft besonders körperliche Belastungen durch Heben und Tragen nicht nur am Bau sondern auch in den klassischen Frauenbranchen, wie im Bereich Gesundheit und Pflege, im Einzelhandel, in der Gastronomie und in der Reinigung. Da hat der ArbeitnehmerInnenschutz noch ein großes Entwicklungspotential, was z.B. allein nur Hebe- und Tragehilfen anlangt. Wo finden wir die wirklich? Da gibt es noch sehr viel zu tun.  

Heider:
Nein, denn im Arbeitnehmer/innenschutz bedeutet Stillstand Rückschritt. So braucht es in der Arbeitsunfallverhütung ständig neue Impulse. Die AUVA leistet hier gute Arbeit, in dem sie immer wieder neue Schwerpunkte setzt, wie zuletzt mit der Kampagne „Sturz und Fall“ und im kommenden Jahr werden „Handverletzungen“ das große Thema. Ein ungelöstes Problem ist die manuelle Lastenhandhabung. Hier fehlen klare Schutzvorschriften. Die Grenzlastmodelle, wie die drei deutschen Leitmerkmalmethoden werden in Österreich de facto nicht angewandt. Leidtragend sind die Arbeitnehmer/innen, deren Bewegungs- und Stützapparat frühzeitig gesundheitlich verschleißt. Zudem sind technologische Entwicklungen - Stichwort Nanotechnologie - neue Herausforderungen. Forschung und Wissenschaft helfen Risiken besser einzuschätzen. So schützen neue und niedrigere Grenzwerte bei gesundheitsschädigenden Arbeitsstoffen.

Welche Möglichkeiten seht Ihr in diesem Zusammenhang für eine Marke "gesunde arbeit", für eine Lösungswelt zur Sicherheit und Gesundheit in der Arbeit?

Reifinger: Die größte Herausforderung im Bereich Gesundheit am Arbeitsplatz stellt die Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters dar. Vor diesem Hintergrund muss nicht nur die Gesundheit der Älteren sondern auch jene der Jüngeren verstärkt in den Blickwinkel treten. Die Marke „gesunde arbeit“ kann hier für BetriebsrätInnen eine wichtige Drehscheibenfunktion übernehmen, indem sie Informationen, Möglichkeiten zur Vernetzung, Erfahrungsaustausch und Lernen von den anderen bietet.

Heider: Die neue Lösungswelt www.gesundearbeit.at ist die innovative Zusammenführung von Themen zu Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt. Ihre Besonderheit ist ihre Vielfalt mit dem Anspruch einer aktuellen Plattform mit laufender redaktioneller Betreuung durch den ÖGB-Verlag. Die Bandbreite erstreckt sich von Rechtsvorschriften, Veranstaltungshinweisen, Wissenswertes zum Arbeitsumfeld, Informationen zu Kampagnen, Studien, Buchtipps und Buchbesprechungen, interessante Broschüren und Links bis hin zum regelmäßig erscheinenden elektronischen Newsletter. Angesprochen sind sowohl Akteure aus der Welt des Arbeitnehmer/innenschutzes, der Prävention und der betrieblichen Gesundheitsförderung sowie Interessenvertreter/innen, Arbeitgeber/innen und Arbeitnehmer/innen.

Alexander Heider leitet seit 1997 die Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit in der Arbeiterkammer Wien. Kontakt: alexander.heider@akwien.at
Dr.in Ingrid Reifinger ist Referentin für ArbeitnehmerInnenschutz im Referat Gesundheitspolitik, Bereich Grundsatz, im ÖGB. Kontakt: ingrid.reifinger@oegb.at

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