Gesunde Arbeit

Krank zur Arbeit - Präsentismus bei ArbeitnehmerInnen

Krank zur Arbeit zu gehen ist ein weitverbreitetes Phänomen mit schwerwiegenden Folgen. Die bestätigt auch eine neue Studie.

Der Umgang mit kranken Beschäftigten seitens der Arbeitgeber/-innen wird rauer: Gutscheine für Anwesenheit trotz Krankheit, Fehlzeitenbriefe, Kündigungen bzw. vermeintlich "einvernehmliche" Auflösungen des Arbeitsverhältnisses im Krankenstand. Immer noch hält sich in vielen Betrieben der Glaube, dass kranke Arbeitnehmer/-innen, die sich zu Hause auskurieren, Produktivitätseinbußen und dadurch Kosten für das Unternehmen verursachen - ein fataler Trugschluss.

Das Erscheinen von Beschäftigten am Arbeitsplatz, obwohl sie krank sind, ist in Österreich eine gängige Praxis, über die trotzdem kaum jemand spricht. Bereits 40 Prozent der Beschäftigten in Österreich gehen krank zur Arbeit - so das Ergebnis des Arbeitsgesundheitsmonitors von AK Oberösterreich und IFES 2012. Die gesundheitlichen Folgen für die Arbeitnehmer/-innen einerseits und die betriebs- und volkswirtschaftlichen Auswirkungen andererseits sind in ihrer Dimension noch nicht abschätzbar. Interessante Erkenntnisse zum noch wenig beleuchteten Phänomen "Präsentismus" - so wird die Praxis, krank zur Arbeit zu gehen, in der Wissenschaft genannt - liefern aktuelle Arbeiten der Diplomanden Gisela Singer (JKU Linz) und Wolfgang Piermayr (FH Krems), bei denen sie die AK unterstützte.

Singer wies in ihrer Arbeit "Präsentismus bei ArbeitnehmerInnen" durch die Befragung von AK-Mitgliedern die Vermutung nach, dass Zeitdruck und Sorge über den möglichen Verlust des Jobs Faktoren sind, die sowohl zu Anwesenheit in der Arbeit trotz Krankheit als auch zu Burnout führen (können). Vor allem fehlende Vertretung im Krankenstand, Anreizsysteme für Anwesenheiten, hohes Engagement für den Job und eine gute Beziehung zu den Kollegen/-innen verstärken das Verhalten, krank zur Arbeit zu gehen.

Knapp 340 Beschäftigte eines städtischen Schwerpunktkrankenhauses nahmen an der Studie "Präsentismus im Krankenhaus" von Piermayr teil. Diese lieferte ein erschreckendes Ergebnis: 56,5 Prozent der Befragten gaben an, krank zur Arbeit zu gehen. Die Hauptgründe: hohe Arbeitsbelastung (etwa viele Überstunden, hoher Zeitdruck), soziale Spannungen (Um-gang der Kollegen/-innen untereinander, Rolle der Führung gegenüber Mitarbeitern/-innen) und auch Unzufriedenheit mit den Arbeitsanforderungen. Vor allem jene Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten, die viele Mehr- bzw. Überstunden leisten, sind auch besonders gefährdet, krank zur Arbeit zu gehen.

"Präsentismus ist nicht nur Raubbau an der eigenen Gesundheit, sondern schadet auch den Unternehmen", warnt AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer vor den schwerwiegenden Folgen. Die Arbeitsqualität sinkt aufgrund verminderter Arbeitsfähigkeit, Fehleranfälligkeit und -häufigkeit nehmen zu und die Anzahl der Unfälle am Arbeitsplatz steigt. Außerdem riskieren Mitarbeiter/-innen, die krank zur Arbeit gehen, einen späteren Ausfall, der erheblich länger dauern kann. Die Gefahr der Chronifizierung von Krankheitsbildern und Burnout steigt durch Präsentismus, außerdem können kranke Beschäftigte ihre Kollegen/-innen anstecken.

Forscher der Stanford University gehen davon aus, dass Präsentismus und seine Folgen bewirken, dass die Beschäftigten ein Fünftel ihrer Jahresarbeitszeit nur zu 75 Prozent produktiv sind. Für AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer ist klar: "Nicht genug, dass sich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch ihr Verhalten, krank zur Arbeit zu gehen, langfristig gesundheitlich kaputt machen. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind die Folgen von Präsentismus und die dadurch entstehenden Mehrbelastungen dumm. Denn schließlich ist nur ein produktives Anwesenheitsverhalten ein Gewinn für die Firma." Unternehmen, die die Produktivität im Auge haben, sollten sich deswegen nicht nur auf die Senkung von Fehlzeiten konzentrieren, sondern sich auch bewusst mit den Schäden, den Präsentismus verursacht, auseinandersetzen.

Statt nur die Krankenstandstage zu zählen, braucht es nachhaltige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Krankmachende Faktoren müssen verhindert werden. Dafür sind Gesundheitsförderung und Schutz vor Belastungen für die Anwesenden sowie gute Chancen für einen Wiedereinstieg nach langer Krankheit notwendig.

Die Unternehmen haben für eine ausreichende Personalbemessung zu sorgen. Diese bewirkt, dass krankheitsbedingte Fehlzeiten von Kollegen/-innen nicht zu Lasten der Belegschaften gehen. Anreizsysteme für Anwesenheit trotz Krankheit müssen verboten werden. Außerdem fordert die AK einen Kündigungsschutz im Krankenstand und die Wiedereinführung des Entgeltfortzahlungsfonds.

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