Gesunde Arbeit

„Es gibt immer Raum für Verbesserung“

„Gesunde Arbeit“ im Gespräch mit Dr.in Christa Sedlatschek, Direktorin der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA).
Im Interview mit Julia Nedjelik-Lischka
Christa Sedlatschek
Im Interview mit Julia Nedjelik-Lischka
EU-OSHA-Direktorin Dr.in Christa Sedlatschek Christa Sedlatschek

Wer ist die Agentur und was ist ihr Auftrag?
Sedlatschek: Die EU-OSHA setzt sich für sicherere, gesündere und produktivere Arbeitsplätze ein. Wir unterstützen aktiv eine Kultur der Risikoprävention und der Gesundheitsförderung bei der Arbeit, um die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu verbessern.

Die Agentur hat das Ziel, den Einrichtungen der EU, den Mitgliedstaaten, den Betrieben und den AkteurInnen alle sachdienlichen, technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Informationen zu Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit Regierungen, Sozialpartnern und Unternehmen setzen wir uns dafür ein, Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz in ganz Europa zu stärken. Zur Organisation des Austausches und der Zusammenarbeit wurden inzwischen 38 nationale Focal Points eingerichtet.


Jetzt startet die Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze – für jedes Alter“. Was sind die Ziele?
Sedlatschek: Die Arbeitskräfte werden immer älter und Mitgliedstaaten heben das Pensionsantrittsalter an. Dadurch verlängert sich das Arbeitsleben und ArbeitnehmerInnen sind länger Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit spielen eine sehr wichtige Rolle, um überhaupt das gesetzliche Pensionsantrittsalter gesund zu erreichen.

Zwar gibt es in allen Mitgliedstaaten Maßnahmen, Programme und Strategien zur Förderung älterer ArbeitnehmerInnen, doch muss das Bewusstsein für diese Zielgruppe geschärft werden. Mit dieser Kampagne sollen erfolgreiche und nachhaltige Strategien, Programme und betriebliche Beispiele präsentiert und verbreitet werden.


Welche Kampagnenaktivitäten laufen bis Ende 2017?
Sedlatschek:Die Kampagne startete am 14. April 2016 auf einer Pressekonferenz in Brüssel mit der EU-Kommissarin für Beschäftigung und Soziales Marianne Thyssen und der niederländischen EU-Ratspräsidentschaft.

Auf nationaler Ebene wird die Kampagne von den Focal Points organisiert. Die EU-OSHA unterstützt finanziell die Organisation von Events, Seminaren und Pressekonferenzen und stellt umfangreiche Kampagnenmaterialien bereit.

An der letzten Kampagne nahmen über 100 offizielle Kampagnenpartner teil. Mehr als 30 Medienpartner (Anm. d. Red. wie die Gesunde Arbeit) unterstützten uns. Der Wettbewerb für gute praktische Lösungen ist ein Highlight und die Europäische Woche für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit einschließlich Konferenzen, Seminaren und Schulungen knüpft in jedem Kampagnenjahr am Thema an.


Wie sehen Sie Österreich im EU-Vergleich?
Sedlatschek: Wir haben gerade die zweite Erhebung der Europäischen Unternehmensumfrage über neue und aufkommende Risiken (ESENER) veröffentlicht. Die Umfrage bietet einen Einblick darin, wie mit Arbeitsplatzrisiken umgegangen wird.

Der häufigste genannte Risikofaktor ist der Umgang mit schwierigen KundInnen, PatientInnen, SchülerInnen usw. (59 Prozent in Österreich, 58 Prozent in den EU-28). Faktoren, die zu Muskel- und Skeletterkrankungen führen, wie anstrengende oder schmerzhafte Körperhaltungen und sich wiederholende Hand- oder Armbewegungen, werden für sämtliche Wirtschaftszweige sehr häufig angeführt. 76 Prozent aller Unternehmen in den EU-28 nehmen regelmäßig Arbeitsplatzevaluierungen vor (in Österreich 56 Prozent). 90 Prozent dieser Unternehmen sehen das als nützliches Verfahren für den Umgang mit Sicherheit und Gesundheit an (in Österreich 84 Prozent).

Wir haben eine Untersuchung zum Thema „Ältere Beschäftigte und Arbeitsschutz“ durchgeführt, auch mit der Fragestellung, welche Länder bereits frühzeitig Strategien zum demografischen Wandel und zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit entwickelt haben. Die Analyse zeigt, dass vor allem ganzheitliche Ansätze mit Einbeziehung vieler Politikbereiche nachhaltig wirksam sind. Österreich liegt hier zusammen mit den nordischen Ländern, Deutschland sowie den Niederlanden im Spitzenfeld, was sich auch in guten Betriebsbeispielen widerspiegelt.


Wo braucht es dann mehr Anstrengungen, um besser zu werden?
Sedlatschek: Ich denke, dass Österreich mit seiner langjährigen Tradition im ArbeitnehmerInnenschutz im europäischen Vergleich gut dasteht. Es gibt aber immer Raum für Verbesserung, zum Beispiel die flächendeckende Arbeitsplatzevaluierung und die Notwendigkeit, verstärkt Präventionsmaßnahmen gegen psychosoziale Risiken auf betrieblicher Ebene zu ergreifen. Ebenso erscheint es mir wichtig, dass Politik und Wirtschaft erkennen und entsprechend handeln, wenn es darum geht, ältere Beschäftigte bis ins Pensionsalter motiviert und gesund in Arbeit zu halten.

Was ist Ihnen in Zukunft wichtig?
Sedlatschek: Neue Technologien, der steigende Zeitdruck, erhöhte Flexibilitätsanforderung und Arbeitsverdichtung kennzeichnen den Wandel der Arbeitswelt. Das zwingt uns, darüber nachzudenken, wie ein moderner und präventiver ArbeitnehmerInnenschutz aussehen muss, um gesundheitliche Belastungen zu vermeiden bzw. zu minimieren. Unsere Beobachtungsstelle (European Risk Observatory) untersucht die Auswirkungen auf Sicherheit und Gesundheit in der Zukunft. Der erste Bereich waren „Green Jobs“, also die Beschäftigung im Umweltbereich wie die Erzeugung alternativer Energien durch Windkraftanlagen. Dort entstehen neue Arbeitsplätze mit alten Risiken in neuem Kontext. Gerade hier wird viel übersehen, weil häufig angenommen wird, grün hieße auch gesund.

Als Nächstes ist die ICT-Branche mit ihren Auswirkungen einer immer stärker werdenden Flexibilisierung von Ort, Zeit- und Arbeitsbeziehungen an der Reihe. Spannende Themen sind Cloudsourcing, Roboter und leistungssteigernde Drogen.


Ich danke für das Gespräch!
Interview: Julia Nedjelik-Lischka, AK Wien

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