Gesunde Arbeit

„Die Evaluierung psychischer Belastungen ist keine Einmalaktion!“

Vor zehn Jahren wurde im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) klargestellt, dass auch die arbeitsbedingte psychische Belastung zu evaluieren ist. Zeit, ein Resümee zu ziehen und die Frage zu stellen: Wo stehen wir heute? Gesunde Arbeit sprach mit den Vertreter:innen der beiden Berufsverbände: Andrea Birbaumer, Gesellschaft kritischer Psychologen und Psychologinnen (GkPP), und Natascha Klinser, Berufsverband Österreichischer Psycholog:innen (BÖP).
Andrea Birbaumer und Natascha Klinser sind sich einig: „Wenn das Know-how der für die Psyche zuständigen Berufsgruppe genutzt wird, erhöht sich auch die Wirksamkeit von Analyse und Maßnahmenimplementierung.“
Andrea Birbaumer: „Es muss klar werden, dass die Evaluierung kein Einmalprojekt, sondern die Basis eines kontinuierlichen Veränderungsprozesses ist.“
Natascha Klinser: „Erst durch die Analyse der Arbeitsbedingungen können gute Bedingungen für Gesundheit, Leistung und Produktivität geschaffen werden.“
Andrea Birbaumer und Natascha Klinser Andrea Birbaumer und Natascha Klinser sind sich einig: „Wenn das Know-how der für die Psyche zuständigen Berufsgruppe genutzt wird, erhöht sich auch die Wirksamkeit von Analyse und Maßnahmenimplementierung.“
Andrea Birbaumer Andrea Birbaumer: „Es muss klar werden, dass die Evaluierung kein Einmalprojekt, sondern die Basis eines kontinuierlichen Veränderungsprozesses ist.“
Natascha Klinser Natascha Klinser: „Erst durch die Analyse der Arbeitsbedingungen können gute Bedingungen für Gesundheit, Leistung und Produktivität geschaffen werden.“

Haben die psychischen Gefahren seit der Einführung der Evaluierung psychischer Belastungen abgenommen?
Klinser:
Nicht die Anzahl, sondern die Art der Belastungen änderte sich. Eine lebendige Organisation entwickelt sich weiter, neue Arbeitstätigkeiten entstehen, Prozesse verändern sich. Zudem hat Österreich einen Digitalisierungsschub erfahren – mit einem Tempo, das zu rasant war. Die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, braucht eine Anpassung von Arbeitsmitteln, Prozessen und Führungsverhalten. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „virtuelles Führen“ ist vielerorts noch ausständig. Besprechungen, die früher auch die Möglichkeit zum sozialen Austausch davor oder danach geboten haben, finden virtuell statt, die zwischenmenschliche Ebene kann dadurch verloren gehen und damit das Teamgefühl sowie die Bereitschaft, einander zu unterstützen. Veränderungen sind Herausforderungen und wirken auch auf Beschäftigte. Ob betriebsinterne Ressourcen für die Herausforderungen ausreichend sind, zeigt die Evaluierung psychischer Belastungen. Sie ist keine Einmalaktion, sondern trägt zu kontinuierlicher Verbesserung der Arbeitsumgebung, der Tätigkeit an sich, der Arbeitsprozesse und des Organisationsklimas bei. Sie gehört daher in die Unternehmensprozesse integriert.

Was sind die häufigsten arbeitsbedingten Stressoren und welche Folgen können sie nach sich ziehen?
Klinser:
Zu den häufigsten arbeitsbedingten Stressoren zählen Überforderung, Überlastung, mangelnde Unterstützung durch Vorgesetzte und das Fehlen von Mitsprache und Partizipation. Durch immer komplexer werdende Tätigkeitsanforderungen und Arbeitsverdichtung kommen Arbeitnehmer:innen in Situationen, die alleine schwer zu bewältigen sind. Gibt es keine Möglichkeiten der Einflussnahme durch die Beschäftigten, ist die Überlastung vorprogrammiert. Auf individueller Ebene können u. a. Gefühle wie Ärger, (Versagens-)Angst, vermindertes Selbstwertgefühl und Aggression auftreten – bis hin zu einer depressiven Symptomatik. Der Körper reagiert zunächst mit Verspannungen und Rückenschmerzen. Langfristig gesehen, macht chronischer Stress krank – physisch und psychisch. Auch im Arbeitsleben ist daher mit Qualitäts-, Produktions- und Leistungseinbußen zu rechnen. Zwischen psychischen Belastungen am Arbeitsplatz und Arbeitsunfällen besteht außerdem ein nachgewiesener Zusammenhang.    
Eine wichtige Konsequenz auf Unternehmerseite ist daher die regelmäßige Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Erst durch die Analyse der Arbeitsbedingungen können diese verbessert und förderliche Bedingungen für Gesundheit und Leistung geschaffen werden.

Welche Rolle spielen Arbeits- und Organisationspsycholog:innen bei der Arbeitsplatzevaluierung?
Birbaumer:
Arbeits- und Organisationspsycholog:innen sind Expert:innen für psychische Belastungen in der Arbeitswelt. Das Erleben und Verhalten des Menschen ist Thema der Psychologie. A&O-Psycholog:innen haben durch ihre Ausbildung die notwendige wissenschaftliche Expertise. Sie sind die Fachkräfte für Arbeitsplatzanalyse, leisten sorgfältige situationsspezifische Erhebungen von Belastungen und entwickeln – darauf aufbauend – geeignete Maßnahmen, basierend auf dem neuesten Stand der Technik und den Vorgaben des ASchG. Das ASchG thematisiert ausführlich psychische Belastungen und fordert, dass „insbesondere Arbeitspsycholog:innen“ hinzuzuziehen sind.
Nur mit fachlicher Expertise ist es möglich, die Wurzel des Problems zu finden und mit passenden Maßnahmen anzusetzen. Einige Sozialleistungen, wie etwa Betriebskindergärten oder Fahrradständer zur Verfügung zu stellen, werden kaum zur Verringerung arbeitsbedingter psychischer Belastungen beitragen.

Welche Themen werden in Zukunft wichtiger werden?
Klinser:
Neben den weitgehend bekannten Stressoren sind vor allem zwei Themenbereiche hervorzuheben: Zum einen hat die Pandemie einen Anstieg an Heimarbeitsplätzen gebracht. Gegenwärtig gibt ca. ein Viertel der Beschäftigten an, zumindest teilweise im Homeoffice zu arbeiten. Wie wir wissen, müssen dadurch Kommunikations- und Kooperationsstrukturen verändert und neu gedacht werden. Führungspersonen sind mit neuen Aufgaben konfrontiert – z. B. klaren Zielformulierungen und expliziter Formulierung von Erwartungen.
Zum anderen hat ein Schub in Richtung „digitale Transformation“ eingesetzt, der Unternehmen und Beschäftigte in den nächsten Jahren fordern wird. Da braucht es nicht nur technische Skills, sondern vor allem organisationale und kulturelle Paradigmenwechsel, da sich auch Belastungen und Stressoren verändern. Hier geht es vor allem um eine Anpassung und Neukonzeption von Abläufen und der Organisationskultur. Werden diese Aspekte vernachlässigt, ist ein massiver Anstieg von psychischen Belastungen unausweichlich. Resignation, Erhöhung der Krankenstände und Fluktuation sind die Folgen.

Was braucht es, damit die Evaluierung psychischer Belastungen mehr Schlagkraft entfaltet?
Birbaumer:
Im ASchG müssen A&O-Psycholog:innen als dritte Präventivkraft und als verpflichtend heranzuziehende Expert:innen für die Evaluierung psychischer Belastungen verankert werden. Wenn das Know-how der für die Psyche zuständigen Berufsgruppe genutzt wird, erhöht sich auch die Wirksamkeit von Analyse und Maßnahmenimplementierung. Niemand fragt seine Anwältin bei Herzproblemen um Rat oder überlegt, ob vielleicht der Installateur eine Idee hätte, was zu tun wäre.
Außerdem muss klar werden, dass die Evaluierung kein Einmalprojekt, sondern die Basis eines kontinuierlichen Veränderungsprozesses ist. Diese tätigkeitspezifische und anlassbezogene Aufgabe findet laufend statt. Und jedenfalls dann, wenn sich etwas bei Arbeitsbedingungen, Arbeitsplätzen, Prozessen und Tätigkeiten ändert.

Vielen Dank für das Gespräch!


Infos zu den Personen:
Mag.a Andrea Birbaumer, Gesundheitspsychologin
Obfrau und Leiterin der Fachabteilung A&O-Psychologie in der Gesellschaft kritischer Psychologen und Psychologinnen (GkPP)

Mag.a Natascha Klinser, DSA.in
Leiterin der Fachsektion Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologie im Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP)

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