„Für nachhaltige Prävention braucht es mehr als individuelle Angebote“
Arbeits- und Organisationspsycholog:innen (A&OP) helfen, psychische Gefahren frühzeitig zu erkennen und Arbeit gesund zu gestalten. Wie das gelingt, zeigt Mareike Schäfer bei den Wiener Netzen.
Psychische Erkrankungen verursachen 11 Prozent aller Krankenstandstage, mit steigender Tendenz. Als Arbeitspsychologin erlebt Mareike Schäfer laufend, wie unterschiedlich sich Belastungen zeigen: Informationsflut, Multitasking, permanenter Arbeitsdruck oder organisatorische Veränderungen. Gleichzeitig erlebt sie einen Wandel: „Wir reden heute über psychische Belastungen“, stellt sie fest. Führungskräfte und Beschäftigte suchen früher Unterstützung und machen auf Belastungsquellen aufmerksam, nicht zuletzt dank der kontinuierlichen Präventionsarbeit.
Mareike Schäfer ist Arbeitspsychologin und seit 2015 bei den Wiener Netzen. Sie ist Teil des betrieblichen Präventionsteams und leitet die Gruppe „Gesundheit bei der Arbeit“.
Prävention ist Teamarbeit
„Psychisch gesunde Arbeitsbedingungen funktionieren nur im Team“, sagt Schäfer. Bei den Wiener Netzen ist die Arbeitspsychologie im Betrieb verankert. Gemeinsam mit Arbeitsmedizin, Sicherheitsfachkräften, Sicherheitsvertrauenspersonen (SVP), Personalabteilung, Betriebsrat, Führungskräften und Geschäftsführung entwickelt sie Maßnahmen, die zu den jeweiligen Anforderungen passen. Als Teil des Betriebs kennt die Expertin Abläufe und Unternehmenskultur – das schafft gegenseitiges Vertrauen und ist für alle Beteiligten ein großer Vorteil.
Stressquellen finden
Wesentliche Grundlage ist die Evaluierung psychischer Belastungen. A&OP sind laut ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) „geeignete Fachleute“ dafür und können im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Präventionszeiten eingesetzt werden (siehe QR-Code). Bei den Wiener Netzen geht man weit über die Pflicht hinaus, indem man ein ganzes Team eigener Expert:innen vor Ort hat: Die Evaluierung psychischer Belastungen ist Teil eines kontinuierlichen Prozesses mit Mitarbeiter:innenbefragungen und aktuellen Entwicklungen. Sie zeigt, wo Gefahren entstehen bzw. ihren Ursprung haben. Mit dem objektiven Blick der Expert:innen werden daraus wirksame Maßnahmen entwickelt und umgesetzt, etwa von verbesserten Kommunikationswegen bis zum Leitfaden im Umgang mit Suchterkrankungen.
Gesunde Strukturen schaffen
A&OP richten ihren Blick nicht auf Einzelne, sondern auf die Arbeitsbedingungen. Sie analysieren etwa Abläufe, Aufgaben, Zusammenarbeit, Führung und Arbeitszeiten und entwickeln gemeinsam mit der Belegschaft passende Maßnahmen. Zusätzliche Angebote wie psychologische oder ergonomische Beratung können Beschäftigte entlasten – für wirksame Prävention braucht es jedoch mehr: „Das System muss den Rahmen bieten. Ausschließlich individuelle Angebote können dauerhaft belastende Strukturen nicht verändern“, bringt es Schäfer auf den Punkt.
Gut zu wissen
Seit 2013 sind Arbeitspsycholog:innen im ASchG als insbesonders geeignete Fachleute hervorgehoben, die im Rahmen der jährlichen Präventionszeit zum Einsatz kommen können.
A&OP fokussieren nicht auf „Patient:innen“, sondern auf den Arbeitsplatz. Ziel ist die Gestaltung psychisch gesunder, sicherer, lern- und persönlichkeitsförderlicher Arbeitswelten. Nicht den Menschen an die Arbeit anpassen, sondern die Arbeit an den Menschen ist die Vorgabe, Verhältnisprävention die Devise.
Magazin Gesunde Arbeit 3/2026, Stamm-Ausgabe