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„Arbeitszeit ist Lebenszeit!“

Warum Dauer, Lage und Planbarkeit der Arbeitszeit über Gesundheit entscheiden.

Markus Zahradnik

Wenn Aufgaben noch dringend fertig werden müssen und sich der Feierabend immer weiter nach hinten verschiebt, dann zeigt sich: Arbeitszeit ist mehr als eine Zahl auf dem Dienstplan. Sie entscheidet darüber, ob Menschen langfristig gesund bleiben. Dabei kommt es nicht nur auf die Dauer an, sondern auch auf die Gestaltung: Ist Arbeit gut planbar? Bleibt Zeit für Erholung? Werden alle Stunden erfasst und fair bezahlt?

Beschäftigte sind heute mit einer hohen Arbeitsdichte konfrontiert. Viele erleben steigenden Zeitdruck und Überlastung, lassen Pausen aus, springen kurzfristig ein oder gehen nach Feierabend noch schnell ans Telefon. Die Folge: Arbeitszeit ufert aus und dringt immer mehr in das Privatleben und die Freizeit ein.

„Arbeit darf das Leben nicht auffressen“

Welche Faktoren neben der Wochenstundenzahl über gesunde Arbeit entscheiden, weiß Sybille Pirklbauer, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien. „Arbeitszeit ist Lebenszeit“, sagt sie. Entscheidend sei eine gute Balance zwischen Arbeit, Erholung und Privatleben. Arbeit dürfe „das Leben nicht auffressen“.

„Nicht nur die Dauer, sondern auch die konkrete Gestaltung der Arbeitszeit hat eine enorme Bedeutung für Wohlergehen und Belastung der Menschen“, betont die Expertin. Besonders belastend seien Nacht- und Schichtarbeit, geteilte Dienste oder ständig wechselnde Dienstpläne – typisch etwa in den Branchen Gesundheit und Pflege, Verkehr, Handel, Gastronomie oder Produktion. Erholung und planbare Freizeit geraten dadurch immer stärker unter Druck.

Planbare Arbeits- und Freizeitblöcke sind aber eine wesentliche Voraussetzung für gesundes Arbeiten. Nur wer sich darauf verlassen kann, kann Arzttermine vereinbaren, Kinder betreuen, Zeit mit Familie und Freund:innen verbringen und sich ausreichend erholen. Kurzfristige Dienstplanänderungen und häufiges Einspringen wirken weit über die Arbeit hinaus. Viele Beschäftigte wünschen sich deshalb mehr Zeitsouveränität. Sie erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und stärkt die Selbstbestimmung. Flexible Arbeitszeiten erhöhen die Arbeitszufriedenheit allerdings nur dann, wenn sie sich an den Bedürfnissen der Beschäftigten orientieren und nicht ausschließlich an betrieblichen Anforderungen.

Gute Arbeitszeit nutzt die produktiven Stunden der Beschäftigten, nicht ihre Erschöpfung.
Sybille Pirklbauer, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien

Überlange Arbeitszeiten machen krank

Digitalisierung und demografischer Wandel erhöhen den Druck heute enorm. Viele Beschäftigte erleben die Erwartung, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein. „Die Anforderungen in der Arbeit haben sich massiv verändert und sind viel belastender geworden“, sagt Pirklbauer. Aufgaben müssten heute oft in deutlich kürzerer Zeit erledigt werden. Wer den steigenden Druck anfangs bewältige, laufe auf Dauer Gefahr, über die eigenen Grenzen zu gehen. „Erst wird die Schraube angezogen. Dann sieht man: Es funktioniert. Und dann bleibt man dabei“, beschreibt sie diesen Mechanismus. Die gesundheitlichen Folgen würden häufig erst viele Jahre später sichtbar.

Dabei ist wissenschaftlich gut belegt, welche gravierenden körperlichen und psychischen Folgen lange Arbeitszeiten und zu kurze Erholungsphasen haben können. Bereits nach der achten Arbeitsstunde nehmen Aufmerksamkeit und Entscheidungsfähigkeit ab. Ab der neunten Stunde steigt das Risiko für Fehler und Arbeitsunfälle deutlich. Gleichzeitig nehmen Erschöpfung und Schlafstörungen zu, langfristig erhöht sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Depressionen und andere Krankheitsbilder.

Markus Zahradnik

Erholung ist kein Luxus

Wer dauerhaft gesund und produktiv arbeiten soll, braucht ausreichend Zeit zur Regeneration. Genau diese nötige Erholung fehlt, wenn Pausen regelmäßig ausfallen, Dienstpläne kurzfristig geändert werden oder die Gedanken auch nach Dienstschluss weiter um die Arbeit kreisen. Der österreichweit steigende Präsentismus ist ein weiteres klares Warnsignal dafür, dass Arbeitsmenge, Personalbemessung und Arbeitsorganisation nicht zusammenpassen: Rund 65 Prozent der Beschäftigten in Österreich gehen zumindest gelegentlich krank zur Arbeit, oft aus Pflichtgefühl, wegen fehlender Vertretungen oder aus Sorge vor beruflichen Nachteilen. Kurzfristig funktioniert der Betrieb weiter, langfristig leidet die Gesundheit.

Wie sehr Arbeitszeit aus dem Gleichgewicht geraten kann, zeigen auch die Mehr- und Überstunden. Nach AK-Berechnungen leisteten Beschäftigte allein 2025 insgesamt 170 Millionen Mehr- und Überstunden. 46 Millionen davon wurden weder bezahlt noch durch Zeitausgleich abgegolten. Den Beschäftigten entgingen dadurch nicht nur rund 2,5 Milliarden Euro an Bruttoentgelt, sondern auch wertvolle Zeit für Erholung und Privatleben. Und dem Staat fehlten im Jahr 2025 rund 1,2 Milliarden Euro an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen.

Das sagt AK-Expertin Sybille Pirklbauer 

Warum wird Arbeit heute als immer belastender erlebt? 
Die Anforderungen haben sich massiv verändert. Viele Beschäftigte müssen in derselben Zeit deutlich mehr leisten als früher. Gleichzeitig steigt die Erwartung, ständig erreichbar und flexibel zu sein. Nicht die Zahl der Arbeitsstunden allein belastet, sondern der steigende Arbeitsdruck innerhalb dieser Zeit. 

Warum passen unsere Arbeitszeitregeln nicht mehr zur heutigen Arbeitswelt? 
Unsere gesetzliche Normalarbeitszeit stammt aus dem Jahr 1975, also aus einer Zeit, in der zum Beispiel Schreibmaschinen den Büroalltag prägten. Heute arbeiten wir in einer völlig anderen Arbeitswelt. Die Produktivität hat sich mehr als verdoppelt, gleichzeitig sind Arbeitsdruck und Arbeitsintensität deutlich gestiegen. Menschen sind keine Maschinen. Arbeitszeitregelungen müssen mit dieser Entwicklung Schritt halten und angepasst werden. 

Was braucht es für eine gesunde Arbeitszeitgestaltung? 
Arbeitszeit muss so gestaltet sein, dass Menschen gesund arbeiten können. Gute Arbeitszeit nutzt die produktiven Stunden der Beschäftigten, nicht ihre Erschöpfung. Dafür braucht es Arbeitszeitregelungen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen – und eine Verkürzung der gesetzlichen Normalarbeitszeit. 

Auf die Prävention kommt es an!

Gesunde Arbeitszeit entsteht durch konsequent umgesetzte Zeitvorgaben und eine gute Arbeitsorganisation. Dazu gehören etwa eine realistische Personalplanung, planbare Dienstpläne, ausreichende Pausen, klare Regeln zur Erreichbarkeit sowie eine Arbeitszeitgestaltung, die insbesondere Belastungen durch Nacht- und Schichtarbeit reduziert.

Ein zentrales Instrument dafür ist die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitsplatzevaluierung. Sie umfasst ausdrücklich auch Arbeitsabläufe, -organisation und -zeit. Betriebsrat und Sicherheitsvertrauenspersonen gilt es in diesen Prozess einzubinden, denn sie kennen die Belastungen der Kolleg:innen oft am besten und wissen, wo anzusetzen ist. Gemeinsam mit Führungskräften, den Präventivfachkräften sowie Arbeits- und Organisationspsycholog:innen können sie Verbesserungen anstoßen und Arbeitsbedingungen nachhaltig gesund gestalten.

Arbeitszeit ist klar definiert

Grundsätzlich gilt jede Tätigkeit, die im Interesse des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin erbracht wird, als Arbeitszeit. Dazu zählen etwa Vor- und Nachbereitungsarbeiten, Reisezeiten oder – abhängig von der Tätigkeit – auch Umkleidezeiten. Dennoch wird Arbeitszeit nicht immer vollständig erfasst. „Es gibt sogar Fälle, in denen das Zeiterfassungssystem die Aufzeichnung automatisch beendet, obwohl anschließend weitergearbeitet wird“, berichtet Martin Müller, Leiter des Referats Rechts- und Kollektivvertragspolitik im Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB). Auch bei mobiler Arbeit würden Arbeitszeiten nicht immer vollständig dokumentiert.

Rechtlich ist die Lage eindeutig: Für die Arbeitszeiterfassung ist der:die Arbeitgeber:in verantwortlich. Eine eigene Aufzeichnung kann aber helfen, Ansprüche durchzusetzen. „Beschäftigte sollten ihre Arbeitszeit zusätzlich selbst dokumentieren. Denn im Streitfall zählt, was sich nachweisen lässt“, empfiehlt Müller. Darüber hinaus sieht der ÖGB-Experte in arbeitsrechtlicher Sicht Handlungsbedarf: Die Ausweitung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit auf bis zu 12 Stunden täglich und 60 Stunden pro Woche müsse wieder zurückgenommen werden.

Im Streitfall zählt, was sich nachweisen lässt.
Martin Müller, Leiter des Referats Rechts- und Kollektivvertragspolitik, ÖGB

Damit Regeln auch wirken

Gesetzliche Regelungen zum Arbeitnehmer:innenschutz müssen konsequent umgesetzt werden. Davon profitieren nicht nur Beschäftigte, sondern auch Betriebe, die sich an die Arbeitszeitbestimmungen halten. Sie dürfen nicht gegenüber jenen benachteiligt werden, die die Regeln missachten – und dies mitunter sogar als „Geschäftsmodell“ betreiben. Die AK und der ÖGB fordern deshalb unter anderem, vereinbarte Arbeitszeiten bereits bei der Anmeldung zur Sozialversicherung verpflichtend zu melden, Arbeitszeitaufzeichnungen manipulationssicher zu gestalten sowie Lohnraub und Kontrollvereitelung wirksam zu sanktionieren.

Auf den Punkt

Gesunde Arbeitszeit entsteht nicht von selbst. Sie braucht eine Arbeitsorganisation, die verhindert, dass Beschäftigte dauerhaft über ihre Grenzen gehen. 

Gesunde Arbeitszeit 

  • Begrenzt: Arbeitstage und -wochen sind nicht überlang. 
  • Planbar: Die Dienstpläne stehen rechtzeitig fest.
  • Mitbestimmt: Beschäftigte können ihre Bedürfnisse einbringen. 
  • Ermöglicht Erholung: Pausen, Ruhezeiten und freie Tage sind gewährleistet. 
  • Verlässlich: Nach Dienstschluss keine Erwartung ständiger Erreichbarkeit. 
  • Fair: Geleistete Arbeitszeit wird vollständig erfasst und korrekt bezahlt. 

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Magazin Gesunde Arbeit Stamm-Ausgabe 3/2026
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