Ergonom:innen in der Praxis
Ergonomin Esther Domburg ist dort unterwegs, wo gesunde und sichere Arbeit entsteht und gestaltet wird: im Arbeitsalltag. Gemeinsam mit Betrieben und Beschäftigten entwickelt sie Lösungen, die langfristig funktionieren – etwa am Flughafen.
Idealerweise wird Ergonomie von Anfang an mitgedacht. Oft ist Esther Domburgs Expertise aber erst gefragt, wenn sich Warnzeichen häufen: steigende Krankenstände, hohe Fluktuation, Personalmangel. Sie sieht sich Arbeitsplätze vor Ort an, hört zu, beobachtet Abläufe und behält das Gesamtbild im Blick. „Symptombekämpfung reicht nicht“, sagt sie klar. Gemeint sind Einzelmaßnahmen, die bei gleichbleibenden Bedingungen nur kurz entlasten. Domburg prüft unter anderem körperliche und psychische Anforderungen, nimmt Faktoren wie Wege, Zeitdruck, Schnittstellen, Umgebung, Regeneration sowie Schichtgestaltung ins Visier – und dreht an vielen Schrauben. Denn wie in einem Orchester muss alles zusammenspielen.
Flughafen Wien: Von Belastungen zu Lösungen
Was Ergonomie konkret leisten kann, zeigt Domburg am Beispiel des Wiener Flughafens. Ausgangspunkt war ein gemeinsames Projekt zur Arbeitsfähigkeit in der Abfertigung. In Coachings und Interviews mit rund 40 Beschäftigten, darunter Catering-Mitarbeiter:innen, Busfahrer:innen, Pushback-Fahrer, Be- und Entlader:innen, wurden zentrale Belastungen sichtbar: defekte Zugfahrzeuge, ungünstige Schichten, Hitze, zu kurze Regenerationszeiten und unpraktische Arbeitsmittel. Zu den großen Stressfaktoren gehörten Wagen, die zu Einsatzbeginn nicht immer funktionierten. Die Folgen: Verzögerungen und mehr Druck. Abhilfe schafft nun ein eigenes Wartungs- und Chipsystem: Defekte Wagen werden sofort gesperrt, Ausfälle und Stress reduziert.
Doppelentladungen: Weniger Druck im Ablauf
Ein weiteres zentrales Problem waren Doppelentladungen. Kommt ein Flugzeug zu spät und das andere pünktlich an, ist eine Gruppe für die Abfertigung von zwei Maschinen zuständig – mit dementsprechend Stress und doppelter körperlicher Belastung. Daher wurde eine „Taskforce“ eingerichtet, eine Gruppe mit erfahrenen Abfertiger:innen. Diese unterstützt zielgerecht und übernimmt die Abfertigung, wo es notwendig ist.
Ebenso wurden u. a. Maßnahmen gegen Hitzebelastung eingeführt, etwa zusätzliche Wasserstellen, gesunde Lebensmittel und Sitzgelegenheiten im Schatten – „viele kleine Änderungen, die in Summe sehr viel bewirken“, erklärt Esther Domburg. Konnte etwas nicht umgesetzt werden, wurde das erklärt. Denn auch das ist wichtig: Feedbackschleifen und gute Kommunikation stärken Wertschätzung.
Prävention wirkt: Ergonom:innen als Expert:innen einsetzen
Wenn sich Belastungen wiederholen, Beschäftigte unter Improvisationsdruck stehen oder Arbeitsmittel ausfallen, lohnt sich ein Blick auf Organisation und Ablauf. Im Rahmen der Präventionszeiten nach dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz können Betriebe Ergonom:innen beiziehen – für Verbesserungen, die dauerhaft greifen.
Magazin Gesunde Arbeit 2/2026, Stamm-Ausgabe