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Strukturwandelbarometer 2026: Arbeit am Limit – höhere Produktivität auf Kosten der Beschäftigten

Mehr Mitsprache, bessere Arbeitsbedingungen und gezielte Qualifizierung in den heimischen Betrieben sind notwendig.

Nachhaltiger Erfolg entsteht nicht durch Dauerstress, sondern durch gute Arbeitsbedingungen, gezielte Weiterbildung und mehr Mitsprache. IFES und Arbeiterkammer Wien

Österreichs Betriebe steigern vielfach ihre Produktivität – allerdings geschieht dies zu oft durch mehr Arbeitsdruck und höhere Belastung für die Beschäftigten. Was es jetzt braucht, ist ein klares Umdenken: Nachhaltiger Erfolg entsteht nicht durch Dauerstress, sondern durch gute Arbeitsbedingungen, gezielte Weiterbildung und mehr Mitsprache. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des aktuellen Strukturwandelbarometers. Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien und des ÖGB hat das Meinungsforschungsinstitut IFES dafür knapp 1.500 Betriebsratsvorsitzende aus zahlreichen Branchen in ganz Österreich befragt.

Produktivität wächst – aber auf Kosten der Arbeitnehmer:innen

73 Prozent der Betriebsratsvorsitzenden geben an, dass Produktivität in ihren Betrieben eines der wichtigsten Themen ist. Mehr als die Hälfte berichtet zudem, dass die Produktivität in den vergangenen drei Jahren gestiegen ist.

Diese Steigerung erfolgt jedoch vielfach nicht durch bessere Rahmenbedingungen, sondern durch höheren Druck auf die Beschäftigten. ÖGB Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi betont: „Die Steigerung der Produktivität geht eindeutig zu Lasten der Beschäftigten. Der Druck steigt, während die Belastungen immer größer werden. Unternehmen müssen endlich erkennen: Ihre Mitarbeiter:innen sind ihr wichtigstes Kapital. Wer das Arbeitstempo ständig erhöht, gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten.“

Zentrale Indikatoren zeigen eine klare negative Entwicklung:

  • Das Arbeitsklima hat sich verschlechtert
  • Der Arbeitsdruck ist gestiegen
  • Krankenstände bleiben auf hohem Niveau
  • Der Druck, trotz Krankheit oder in der Freizeit zu arbeiten, wächst

Insgesamt ergibt sich ein deutliches Bild: Die Arbeitswelt entwickelt sich zulasten der Beschäftigten.

„Die Arbeit wird immer intensiver, was in einer hohen Anzahl von Krankenständen resultiert. Gleichzeitig wird von Vertreter:innen der Wirtschaft nach einem höheren Pensionsalter gerufen – das geht völlig an der Realität vorbei“, betont AK-Direktorin Silvia Hruška-Frank.

Betriebe lassen Potenziale ungenutzt

Neben steigender Belastung zeigt die Erhebung auch strukturelle Schwächen: Viele Unternehmen nutzen vorhandene Arbeitskräftepotenziale trotz Fachkräftebedarf zu wenig.

  • 63 Prozent der Betriebe haben Schwierigkeiten, Personal zu finden
  • 35 Prozent zeigen geringe Bereitschaft, Langzeitarbeitslose einzustellen
  • 29 Prozent zögern bei Beschäftigten über 50
  • 22 Prozent lehnen Teilzeitkräfte ab
  • 17 Prozent schließen Personen mit Betreuungspflichten aus

Diese Zurückhaltung verschärft die Situation zusätzlich und verhindert nachhaltige Lösungen.

Frauen brauchen faire Chancen

Besonders deutlich wird die Ungleichheit bei Frauen: Zwar beschäftigen viele Unternehmen Personen mit Betreuungspflichten und bieten Teilzeitmodelle an, dennoch entstehen daraus häufig langfristige Nachteile.
Teilzeit bedeutet für viele Frauen geringere Einkommen, schlechtere Karrierechancen und niedrigere Pensionen.

„Personalpolitik ist oft noch nicht fair. Es braucht echte Gleichstellung: gleiche Chancen, faire Bezahlung und Arbeitszeiten, die zum Leben passen“, so Mernyi.

Gute Arbeit statt Dauerstress

AK und ÖGB fordern daher ein Umdenken in den Betrieben. Produktivität darf nicht durch permanent steigenden Arbeitsdruck erzielt werden.
Stattdessen sind Investitionen in Weiterbildung, gute Arbeitsorganisation und der sinnvolle Einsatz neuer Technologien entscheidend. Die Betriebsratsvorsitzenden sehen Qualifizierung als wichtigsten Hebel für nachhaltige Produktivität – dennoch setzt derzeit nur rund ein Drittel der Betriebe diese Strategie um.

Auch Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz müssen den Menschen dienen: Sie sollen Arbeit erleichtern und nicht zusätzlichen Druck erzeugen.

Ein weiterer zentraler Faktor ist die Mitsprache der Beschäftigten. Sechs von zehn Befragten sind der Meinung, dass Arbeitnehmer:innen stärker in Entscheidungen eingebunden werden sollten. In der Praxis geschieht das jedoch derzeit nur in einem von neun Betrieben.

Betriebsräte verbessern die Arbeitswelt

Betriebsräte spielen eine entscheidende Rolle für faire Lösungen im Betrieb. Die Studie zeigt klar: Wo Betriebsräte gut eingebunden sind, funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten, Betriebsrat und Management besser.

Beschäftigte kennen ihre Arbeit am besten – ihre Erfahrungen müssen daher stärker in Veränderungen einfließen. Mehr Mitsprache bedeutet mehr Fairness und bessere Arbeitsbedingungen.

Positiv bewertet wird die Kommunikation in den Betrieben: Der Austausch zwischen Belegschaft, Betriebsrat und Management funktioniert überwiegend gut. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein Warnsignal: Die Einbindung des Betriebsrats in unternehmerische Entscheidungen ist erstmals ins Negative gekippt. Damit wird eine zentrale Ressource geschwächt.

Gesundheit ist die Grundlage für Erfolg

Echte Produktivität entsteht nicht durch Dauerstress, sondern durch gute Ausbildung, effiziente Abläufe sowie gesunde und motivierte Beschäftigte.

„Die Chancen sind da. Jetzt sind die Unternehmen am Zug. Wer in seine Beschäftigten investiert, wird langfristig erfolgreicher sein“, betonen AK-Direktorin Silvia Hruška-Frank und ÖGB Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi.

Qualifizierung und Beteiligung bleiben entscheidend

Die Befragten identifizieren klare Hebel für nachhaltige Produktivität:

  • Prozessoptimierung (61 Prozent)
  • Einbindung von Beschäftigten (59 Prozent)
  • Weiterbildung und Qualifizierung (51 Prozent)
  • Digitalisierung (41 Prozent)

Gerade bei Qualifizierung und Beteiligung besteht aus Sicht der Betriebsratsvorsitzenden weiterhin großer Nachholbedarf.
Abschließend stellen Silvia Hruška-Frank und Willi Mernyi klar: „Produktivität auf Kosten der Beschäftigten ist weder nachhaltig noch sinnvoll. Wettbewerb entscheidet sich auch über Qualität, Verlässlichkeit und Qualifikation. Unternehmen brauchen gut ausgebildete und fair bezahlte Beschäftigte. Nur so können sie langfristig erfolgreich sein.“ 

 ÖGB und Arbeiterkammer fordern:

  • Ausbau der Qualifizierung: Eine breit angelegte Aus- und Weiterbildungsoffensive für alle Beschäftigten
  • Gesunde Arbeit bis zur Pension: Altersgerechte Arbeitsplätze und Fokus auf Gesundheit als entscheidender Produktivitätsfaktor
  • Stärkung der Mitbestimmung: Mehr Einbindung von Betriebsräten und bessere Kommunikation als Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und soziale Stabilität 

 

Presseaussendung von AK und ÖGB