„Die 40-Stunden-Woche ist nicht mehr zeitgemäß“
80 Prozent der Menschen wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Die Realität sind aber überlange Arbeitstage, unfreiwillige Teilzeit, Mehrarbeit ohne Zuschlag. AK-Präsidentin Renate Anderl im Interview mit der Gesunden Arbeit über Arbeitszeit von gestern, mangelnden Respekt und nötige Reformen für faire und gesunde Arbeit.
Arbeiten die Menschen in Österreich grundsätzlich zu viel oder zu wenig?
Ich würde mal sagen: Die einen arbeiten mehr, die anderen weniger, aber wie viel tatsächlich jemand arbeitet, das suchen sich Menschen nicht einfach so aus. Wir wissen aus Studien, dass viele Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, weil sie in besonders belastenden Branchen arbeiten. Wir wissen auch, dass wir europaweit an der Spitze liegen, was überlange Arbeitszeiten betrifft. Die Vollzeitbeschäftigten in Österreich arbeiten durchschnittlich fast 41 Stunden pro Woche. Das ist die drittlängste Arbeitszeit innerhalb der EU. Andererseits stecken viele in der Teilzeitfalle – sie wollen länger arbeiten, aber es gibt in ihren Branchen fast nur Teilzeitjobs, oder die Arbeitslast ist derart hoch, dass sie Vollzeit unmöglich macht.
Wann sind Menschen zufrieden mit ihrer Arbeitszeit, wann sind sie das nicht?
Grob gesagt: Wenn genug Zeit für Arbeit UND Leben bleibt. Damit meine ich nicht nur von der Arbeit zur Schule hetzen, um Kinder zu holen, dann schnell einkaufen, zu Hause den Haushalt schupfen, Angehörige pflegen und dann völlig übermüdet ins Bett fallen. Wir haben einen Betrieb in Oberösterreich bei der Umstellung von einer 40-Stunden-Woche auf 30 Stunden begleitet und den Prozess auch evaluiert. Es sind die Krankenstände gesunken, die Produktivität ist gestiegen, die Motivation hat sich verbessert. Wir haben 2022 fast 5.000 Personen zu ihren Arbeitszeitwünschen befragt, über 80 Prozent wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Die gesetzliche Definition von 40 Stunden Normalarbeitszeit ist im 21. Jahrhundert schlicht und einfach nicht mehr zeitgemäß.
Warum arbeiten in Österreich so viele Personen in Teilzeit und was hat es mit der „Lifestyle-Teilzeit“ auf sich?
Lifestyle-Teilzeit, was soll das sein? Das ist eine sehr respektlose Aussage, dass viele in Teilzeit arbeiten, um sich ein schönes Leben zu machen. Ein schönes Leben wollen wir doch alle, aber die Aussage ist einfach falsch. Es gibt viele Gründe für Teilzeit: hohe Arbeitsbelastung, Betreuung von Kindern oder Angehörigen, gesundheitliche Einschränkungen, fehlende Vollzeitstellen. Ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt, ist ebenfalls ausschlaggebend, und auch Branchen prägen die Arbeitszeit, im Handel oder in der Reinigung bekommt man kaum Vollzeitstellen. Diese Aussage verschiebt außerdem die Verantwortung für die vielen Teilzeitjobs auf die falsche Seite: Es sind die Betriebe, die keine Vollzeit anbieten, die Teilzeitkräfte aber trotzdem regelmäßig zu Mehrarbeit verdonnern.
Teilzeitbeschäftigte dürfen nicht mehr als billige Flexibilitätsreserve genutzt werden. Jede zusätzliche Stunde muss einen Zuschlag bringen – und das ab der ersten Stunde Mehrarbeit.
Warum sind aus Ihrer Sicht lange Arbeitszeiten problematisch, und wo sehen Sie wichtige Hebel bei der Gestaltung von gesunden Arbeitszeiten?
Aus Erhebungen wissen wir, dass ab der sechsten Stunde Arbeit die Konzentration deutlich nachlässt, das erhöht die Fehleranfälligkeit und die Unfallgefahr. Das Problem sind auch nicht nur lange Arbeitszeiten, sondern der gestiegene Arbeitsdruck. Pro Arbeitsstunde leisten die Beschäftigten heute doppelt so viel wie noch in den 1970er-Jahren. In vielen Kollektivverträgen haben Gewerkschaften schon kürzere Arbeitszeiten festgelegt – es wird Zeit, dass die gesetzliche Ebene endlich nachzieht.
In welchen Branchen sehen wir als AK die größten Probleme beim Thema Arbeitszeit, und wie ließen sich diese ändern?
Im Handel, in der Gastronomie, in der Reinigung werden kaum Vollzeitstellen angeboten, aber die Beschäftigten – zum Großteil Frauen – leisten trotzdem regelmäßig Mehrstunden. Wünsche, die Arbeitszeit aufzustocken, werden selten erfüllt. Das ist ein ausbeuterisches Geschäftsmodell, das endlich abgestellt werden muss. Im Handel ist es keine Seltenheit, für 30 Stunden angemeldet zu sein, aber regelmäßig bis zu 42 Stunden zu arbeiten – ohne einen Cent für die Mehrarbeit. Der Betrieb schickt die Kollegin einfach in Zeitausgleich. Mit klaren gesetzlichen Regelungen lässt sich das ändern: Wer mehr arbeitet, muss dafür fair bezahlt werden. Jede zusätzliche Stunde muss einen Zuschlag bringen – und das ab der ersten Stunde Mehrarbeit. Teilzeitbeschäftigte dürfen nicht mehr als billige Flexibilitätsreserve genutzt werden. Teilzeitbeschäftigte dürfen bei Mehrstunden nicht schlechtergestellt werden als Vollzeitbeschäftigte bei Überstunden: Wir verlangen die Erhöhung des Mehrarbeitszuschlags von 25 auf 50 Prozent – wie bei Überstunden. Und wir wollen einen Rechtsanspruch: Wer regelmäßig Mehrarbeit leistet, muss ein Recht auf Stundenaufstockung haben.
Die AK kritisiert seit Langem, dass die Arbeitsinspektion unterbesetzt ist und damit Verstöße gegen Arbeitszeitbestimmungen und Regelungen nicht ausreichend kontrolliert werden können. Welche konkreten rechtlichen Verschärfungen fordern Sie?
Wenn die Arbeitsinspektorate mehr Personal hätten, dann könnten die Regeln, die jetzt schon gelten, besser und wirksam kontrolliert werden. Das wäre schon einmal eine wichtige Voraussetzung. Wir brauchen zudem verlässlichere Daten zu den Arbeitszeiten. Betriebe müssen jetzt, wenn sie Beschäftigte einstellen und bei der Sozialversicherung anmelden, auch das Arbeitszeitausmaß melden – das ist ein guter erster Schritt der Bundesregierung. Das reicht aber nicht, wir wollen, dass jede Änderung auch gemeldet werden muss, sonst fehlt die Grundlage für die Kontrolle, ob Arbeitszeiten eingehalten werden.
Wenn Sie sich von der Politik eine Sache zum Thema Arbeitszeit wünschen könnten, welche wäre das?
Dass wir endlich sachlich über Arbeitszeitverkürzung diskutieren und ideologische Mauern, die da teilweise aufgebaut wurden, beiseitelassen.
Magazin Gesunde Arbeit 3/2026, Stamm-Ausgabe