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EU-OSHA-Kampagnenauftakt in Wien: Psychische Gesundheit ist Teamarbeit

Die neue EU-OSHA-Kampagne zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit ist nun auch in Österreich gestartet. Im Mittelpunkt: Prävention, gute Arbeitsbedingungen und konkrete Lösungen für Betriebe.

R.Reichhart

Psychische Gesundheit ist kein „Wohlfühlthema“, sondern eine Kernaufgabe des Arbeitnehmer:innenschutzes. Das war die zentrale Botschaft beim österreichischen Auftakt der EU-OSHA-Kampagne „Gemeinsam für psychische Gesundheit bei der Arbeit“ am 20. Oktober 2026 in der Wiener Urania. Rund 150 Menschen waren vor Ort, etwa 250 weitere verfolgten die Veranstaltung online via Livestream.

Der Handlungsbedarf ist klar: 45 Prozent der Beschäftigten in der EU sehen ihr psychisches Wohlbefinden am Arbeitsplatz gefährdet. Die Botschaft der Kampagne lautet daher: Psychische Gesundheit darf nicht allein zur Verantwortung der Einzelnen gemacht werden. Entscheidend sind Arbeitsbedingungen, die Belastungen möglichst gar nicht erst entstehen lassen.

Fünf Kampagnenbereiche

Die bis 2028 laufende Kampagne, die von Koordinatorin Martina Häckel-Bucher und Anna-Sophie Ecker vorgestellt wurde, setzt fünf Schwerpunkte: die Evaluierung psychischer Belastungen, Belästigung und Gewalt, das Zusammenspiel körperlicher und psychischer Belastungen, psychische Gesundheit im Gesundheits- und Sozialwesen sowie das Arbeiten mit psychischen Problemen. 
Zum Auftakt der fachlichen Beiträge stellte Cornelia Strecker von Humane Arbeit die Frage: Wie wollen wir miteinander arbeiten? In ihrer Keynote zeigte sie, welche Rolle Wertschätzung, Beteiligung, Vertrauen und eine offene Konfliktkultur für die psychische Gesundheit spielen, und stellte das Konzept des soziomoralischen Organisationsklimas (SOMOA) vor. Danach beleuchteten Expert:innen aus AUVA, Arbeitsinspektion, Sozialministerium und weiteren Institutionen die fünf Kampagnenschwerpunkte aus unterschiedlichen Perspektiven (siehe auch hier).

Handeln, bevor es brennt

Grundstein der Prävention ist die Arbeitsplatzevaluierung. Nicht die Beschäftigten sollen immer widerstandsfähiger gegen schlechte Bedingungen werden – Arbeitsorganisation, Führung und Abläufe müssen so gestaltet sein, dass Gesundheitsgefahren reduziert werden oder gar nicht erst entstehen. Wie das konkret aussehen kann, zeigten zahlreiche Praxisbeispiele. Eindrücklich war der Vergleich der Prävention psychischer Belastungen mit dem Brandschutz: Kennt man Betrieb und typische Risiken, lässt sich Schaden schon im Vorfeld verhindern – Feuerlöscher müssen trotzdem immer vorhanden sein.

Beim Thema Gewalt wurde auf rund 1.750 anerkannte Arbeitsunfälle im Jahr 2025 infolge von körperlicher Gewalt verwiesen – 40 Prozent mehr als 2019. Psychische oder sexualisierte Übergriffe sind darin meist gar nicht erfasst. Gefordert wurden klare Meldewege, Gewaltschutzkonzepte und eine Haltung im Betrieb, die Übergriffe nicht als unvermeidlichen Teil der Arbeit hinnimmt.

Spannend auch der Vortrag über körperliche und psychische Belastungen, die sich nicht getrennt betrachten lassen. Hitze, Lärm, Zeitdruck, Schlafmangel oder fehlende Handlungsspielräume können einander verstärken. Dauerstress kann sich zudem körperlich bemerkbar machen – etwa durch Muskelverspannungen, erhöhten Blutdruck oder entzündliche Prozesse.

Im Gesundheits- und Sozialwesen stand unter anderem die Frage im Mittelpunkt, wie Beschäftigte besser auf Aggression und Gewalt vorbereitet und nach Vorfällen unterstützt werden können. Wie für eine Bergtour brauche es auch für schwierige Situationen im Beruf einen gut gepackten „Rucksack“ – mit Maßnahmen zur Prävention ebenso wie zur Nachsorge.

Und auch dort, wo Menschen bereits mit psychischen Problemen und Erkrankungen arbeiten, können Kolleg:innen und Führungskräfte viel bewirken: Hinschauen, Veränderungen wahrnehmen, zuhören und Unterstützung anbieten. Gleichzeitig wurde die Forderung erhoben, psychische Ersthelfende ähnlich selbstverständlich und verbindlich zu verankern wie Ersthelfende für körperliche Notfälle.

Sozialpartner-Talk

In der abschließenden Runde der Sozialpartner herrschte trotz unterschiedlicher Perspektiven in vielen Punkten weitgehend Einigkeit: Psychische Belastungen sind ein essenzieller Gefahrenbereich im Arbeitnehmer:innenschutz. Die Prävention muss früher ansetzen und stärker in den Betrieben ankommen. Die Vertreterinnen von AK und ÖGB betonten unter anderem die Bedeutung und Stärkung der Arbeits- und Organisationspsycholog:innen, wenn es um die Prävention psychosozialer Risiken und wirksamer Maßnahmen gegen Gewalt und Belästigung geht. Die entsprechende Modernisierung des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes, die ja auch im Regierungsprogramm vorgesehen ist, wäre hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung und ein Gewinn für alle Seiten. Von Arbeitgeberseite wurden Early Intervention und Wiedereingliederung als wichtige Ansatzpunkte hervorgehoben. Auch die AUVA stellte klar: Investitionen in Prävention zahlen sich für Beschäftigte, Betriebe und Gesellschaft aus.

Selber mitmachen!

Die Kampagne soll all diese Themen europaweit ins Bewusstsein rücken und ein Booster für die nötigen Maßnahmen sein. Betriebe können sich aktiv beteiligen, ihre konkreten Aktionen vorstellen und sich gleichzeitig an einem Wettbewerb beteiligen: Dem Good Practice Award für gute praktische Lösungen. Erstmals wird es in jedem EU-Mitgliedstaat einen Gewinner geben. In Österreich können Betriebe und Organisationen ihre Lösungen bis 1. Oktober 2027 einreichen.
Die vielleicht wichtigste Botschaft des Tages: Psychische Gesundheit entsteht nicht durch Appelle an die persönliche Resilienz – sondern durch gute Arbeit.