Warum Vollzeit in der Pflege kaum zu schaffen ist
Arbeitnehmer:innen in der Pflege stellen hohe Ansprüche an sich selbst. Zu ihrem Beruf gehören klare Qualitätsstandards, fachliche Kompetenz und persönliche Professionalität.
Doch belastende Arbeitsbedingungen untergraben genau das, was gute Pflege ausmacht: Personenzentrierte Beziehungsarbeit und wirksame Versorgung bleiben auf der Strecke. Eine aktuelle Studie der AK Wien, für die Pflegekräfte interviewt wurden, zeigt, dass der Faktor Arbeitszeit dabei eine zentrale Rolle spielt.
Je nach Kollektivvertrag liegen die Normalarbeitszeiten im Pflegebereich zwischen 37 und 40 Stunden pro Woche. Angesichts steigender Versorgungskomplexität und wachsender Arbeitsanforderungen gelten diese bereits jetzt als kaum mehr tragbar. Hinzu kommen regelmäßige Einspringdienste durch dünne Personaldecken. Die Folgen sind Schlafstörungen, psychische und physische Belastungen sowie erhöhte Fehleranfälligkeit. Als Reaktion darauf reduzieren viele Pflegekräfte ihre Arbeitszeit. Wer das als „Lifestyle-Teilzeit“ abtut, verkennt die Arbeitsrealität im Gesundheitsbereich.
Lange, nachts, am Wochenende
Verschärft wird die Arbeitszeitbelastung durch Nachtdienste, Wochenendarbeit und Schichten von 12 bis 13 Stunden. Untersuchungen zeigen: Lange Schichtzeiten erhöhen Fehler- und Verletzungsrisiken, beeinträchtigen die Konzentration und schädigen die Gesundheit nachhaltig – Befunde, die die AK-Wien-Studie vollumfänglich bestätigt.
Ein zukunftsfähiger Gesundheits- und Pflegestandort Österreich braucht bessere Arbeits- und Rahmenbedingungen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Wer Beschäftigte nachhaltig entlasten und hochwertige Pflege sichern will, muss auch die Arbeitszeit neu gestalten. Dazu gehört eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich.
Das Instrument der Überlastungsmeldung
Arbeitgeber:innen haben eine Fürsorgepflicht, Beschäftigte müssen beim Arbeitnehmer:innenschutz aber mitwirken und Gefahren melden – nicht nur defekte Geräte, sondern auch schlechte Organisation oder chronische Unterbesetzung. Eine Überlastungsmeldung (auch: Gefährdungsanzeige) macht diese Gefährdungen sicht- und nachweisbar: Welche Probleme liegen vor, welche Schäden drohen, welche Entlastung ist nötig? So können etwa überlastetem Pflegepersonal Fehler bei der Medikamentengabe unterlaufen. „Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein notwendiger Warnruf. Wenn Beschäftigte ihre Arbeit nicht mehr sicher leisten können, muss der Arbeitgeber handeln“, betont Gerald Mjka von der Gewerkschaft vida.
Die Meldung an Führungskräfte, am besten mit Unterstützung des Betriebsrats, erhöht den Handlungsdruck. Mjka: „Wer das ignoriert, nimmt Fehler, Ausfälle und gesundheitliche Schäden bewusst in Kauf.“ Durch die Meldung schützt man sich selbst, Kund:innen, Kolleg:innen und den Betrieb.
Magazin Gesunde Arbeit 3/2026, Stamm-Ausgabe