Schichtarbeit gesund gestalten – so geht’s!
Nicht jeder Betrieb kann auf Schichtarbeit verzichten – aber mit den entsprechenden Maßnahmen lassen sich die körperlichen und psychischen Risiken reduzieren. Octapharma hat unter Einbindung der Beschäftigten und gemeinsam mit dem Betriebsrat und einer Arbeitszeitexpertin des Beratungsunternehmens XIMES ein passendes Schichtmodell ausgearbeitet.
Auf den Gängen der Octapharma Pharmazeutika Produktionsges.m.b.H. herrscht reges Treiben. Labortechniker Andreas Rieger steuert auf die Tür des Labors zu und schließt sie hinter sich. Hier drinnen ist es ruhig, denn die Analytiker:innen müssen sich konzentrieren können. Ihre Arbeit trägt dazu bei, die gleichbleibend hohe Qualität der Medikamente zu sichern, die das Unternehmen aus Humanplasma und humanen Zelllinien herstellt. Damit die Produktion ohne Unterbrechung laufen kann, werden rund um die Uhr Proben entnommen und getestet.
Am Wiener Standort des familiengeführten Pharmaunternehmens war die Zahl der zeitkritischen Analysen bis vor wenigen Jahren wesentlich niedriger als heute. Daher genügte es, wenn sich Analytiker:innen freiwillig für Wochenend- und Nachtdienste meldeten. Mit steigenden Produktionszahlen änderte sich das. „Es ist der Bedarf entstanden, auch die Analysen 24/7 durchzuführen, damit Verzögerungen in der Produktion vermieden werden“, erinnert sich Maximilian Schreiner, Leiter der Abteilung Qualitätskontrolle.
Arbeitszeitexpertin an Bord
Die Abteilung Human Resources (HR), damals noch unter einer anderen Leitung, arbeitete mehrere Schichtmodelle aus. Betriebsrat Michael Martin schüttelt den Kopf: „Da war nichts Vernünftiges dabei. Sie haben uns ja auch nicht einbezogen.“ Charlotte Ponzer, Head of HR Business Partner & Talent Acquisition, holte sich im Namen von Octapharma professionelle Unterstützung von der XIMES GmbH, einem Beratungsunternehmen mit den Schwerpunkten Arbeitszeit, Schichtarbeit, Personal sowie Lohn und Gehalt. Die Arbeitszeitexpertin Ruth Siglär, Co-CEO und Senior Consultant bei XIMES, begleitete den Entwicklungsprozess eines neuen Schichtmodells.
Siglär strahlt gleichzeitig Ruhe und Begeisterung aus, wenn sie von ihrer Beratungstätigkeit erzählt: „Ich moderiere die Diskussion zwischen Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen. Gemeinsam arbeiten wir zwei, drei Vorschläge aus und sehen uns die jeweiligen Vor- und Nachteile an.“ Die Alternativen werden anhand eines Ampelsystems bewertet. Bei Schichtarbeit achtet Siglär vor allem darauf, welches Modell jene Punkte, die den Beschäftigten besonders wichtig sind, am besten abdeckt. Die Offenheit bei Octapharma gegenüber neuen Vorschlägen hat sie als sehr angenehm erlebt.
Wir von XIMES moderieren die Diskussion zwischen Unternehmen und Beschäftigten. Gemeinsam arbeiten wir Vorschläge aus und sehen uns die Vor- und Nachteile an.
Betriebsrat erreicht Arbeitszeitverkürzung
Auch Martin empfand den moderierten Prozess als äußerst positiv: „Wir waren vom ersten Tag an eingebunden und haben unsere Wünsche für den Schichtdienst einbringen können.“ Einzelne relevante Themen wurden in Fokusgruppen bearbeitet – etwa der schwierige Bereich der Kommunikation. So fand man eine Lösung dafür, wie im Schichtdienst Arbeitende auch nachts und am Wochenende Informationen erhalten und gut eingebunden werden können.
„Wir haben viele Gespräche mit den Beschäftigten geführt, die in den Schichtdienst wechseln sollten. Dabei ist es hauptsächlich um die Länge der Schichtblöcke, die Regelmäßigkeit und die Planbarkeit gegangen“, erklärt Ponzer. Nach rund einem Jahr stand fest, dass die Analytiker:innen in 8-Stunden-Schichten mit einer halbstündigen bezahlten Ruhepause arbeiten werden. Ein Modell, bei dem die Freizeit an Wochenenden im Vordergrund stand, wurde laut Siglär wieder verworfen: „Den Betroffenen waren Regelmäßigkeit und kurze Arbeitsblöcke wichtiger.“
Da Schichtarbeit eine höhere körperliche und psychische Belastung mit sich bringt, forderte der Betriebsrat eine Arbeitszeitverkürzung für die betroffenen Kolleg:innen. Diese sollten nach dem ursprünglichen Modell 38 Stunden pro Woche arbeiten. „Schließlich haben wir uns darauf geeinigt, dass die Kolleginnen und Kollegen, die auf das Schichtmodell umsteigen, 33,6 Wochenstunden arbeiten und im Monat 125 Euro mehr bekommen“, berichtet Martin stolz von seinem Verhandlungserfolg.
Weitere Verbesserungen geplant
30 Analytiker:innen arbeiten nach dem neuen Schichtmodell. Sie sind in fixe Gruppen zu je sechs Personen eingeteilt, die immer gemeinsam Dienst machen. Schichtleiterin Michelle Schuh freut sich über diese Änderung: „Ich kenne ‚meine‘ Leute gut und kann auf jede:n individuell eingehen.“ Pro Gruppe übernehmen zwei Personen die zeitkritischen Testungen, die anderen vier analysieren die übrigen Proben. Manche müssen bei Raumtemperatur gelagert werden, andere gekühlt.
Zu allen Tages- und Nachtzeiten werden Proben aus der Produktion angeliefert. Andreas Rieger hat schon vor der Einführung des neuen Schichtmodells in der Qualitätskontrolle bei Octapharma gearbeitet. Jetzt öffnet er einen Tiefkühlbehälter mit Proben, aus dem weißer Nebel quillt. Rieger trägt einen weißen Labormantel und persönliche Schutzausrüstung: Schutzbrille, Schutzhandschuhe und Laborschuhe. Mit einer Pipette entnimmt er ein paar Tropfen einer bereits aufgetauten Probe und bringt sie in ein Messgerät ein. Auch nach mehreren Stunden Nachtschicht muss jede Analyse präzise und mit voller Aufmerksamkeit durchgeführt werden. Rieger hat mit dem Schichtdienst keine Probleme – bis auf eine Ausnahme: „Wenn man aus dem Nachtdienst kommt, muss man nach 48 Stunden in die Frühschicht, das ist das Anstrengendste.“
Die HR-Abteilung arbeitet derzeit gemeinsam mit XIMES an einer besseren Lösung für den Wechsel von der Nacht- in die Frühschicht. Der Planungsprozess hat laut Ponzer gezeigt, dass man die Akzeptanz der Personen braucht, die nach einem Schichtplan arbeiten sollen: „Wir schauen, ob wir noch an der einen oder anderen Schraube drehen können, um die Frühschicht-Belastung zu vermindern.“
Auf den Punkt
Bei Octapharma müssen rund um die Uhr Proben analysiert werden. Mit dem Betriebsrat, den betroffenen Arbeitnehmer:innen und einer Arbeitszeitexpertin wurde ein geeignetes Schichtmodell ausgearbeitet.
Gut zu wissen: Gesundheitsrisiken durch Schichtarbeit
In Österreich arbeiten ungefähr 600.000 Menschen in der Nacht, ein Drittel davon regelmäßig. Nachtarbeit wird in vielen Branchen geleistet, z. B. im Gesundheitswesen, in der Produktion oder im Sicherheitsdienst. Doch Körper und Psyche sind dabei besonders gefordert. Umso wichtiger ist es, bei Schichtarbeit genauer hinzusehen und sie zu gestalten – mit wirksamen Maßnahmen für den Sicherheits- und Gesundheitsschutz der Beschäftigten zu sorgen.
Magazin Gesunde Arbeit 3/2026, Stamm-Ausgabe