Hitzestress hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit
Hohe Temperaturen führen zu Schlafproblemen, erhöhen Unfallrisiken und beeinflussen die Wirkung bestimmter Medikamente. Viele Beschäftigte unterschätzen die Folgen längerer Hitzeperioden.
Der Sommer kann Ihre Gesundheit gefährden – und zwar über Sonnenbrand, Dehydration oder Kreislaufprobleme hinaus. Gerade am Arbeitsplatz werden die Auswirkungen längerer Hitzeperioden unterschätzt, insbesondere jene auf die psychische Verfassung. Die zunehmende Anzahl von Hitzetagen und Tropennächten sowie die damit verbundenen Schlafprobleme erhöhen die Belastung für Beschäftigte. Bei Hitze gibt es daher mehr zu beachten als „nur“ die Einhaltung der arbeitsrechtlichen Vorschriften und persönlicher Schutzmaßnahmen, wie ausreichend zu trinken oder die direkte Sonne zu meiden.
Bewusstseinsbildung ist wichtig
Ein Monitoring-Projekt der Universität Erfurt zeigt, dass vielen Arbeitnehmer:innen die Gefahren durch Hitze gar nicht bewusst sind. Demnach weiß knapp ein Drittel der Menschen nicht, dass bei ihnen ein Risikofaktor vorliegt. Sie schätzen die Gefahr oft zu gering ein und zeigen weniger Schutzverhalten. Und nur weniger als die Hälfte der Personen mit tatsächlich vorliegenden Risikofaktoren hatte bereits mit Ärzt:innen über das Thema Hitze und die damit verbundenen Risiken für ihre Gesundheit gesprochen. Aus arbeitspsychologischer Sicht ist dieses fehlende Bewusstsein problematisch. Wenn Zusammenhänge nicht bekannt sind, werden Belastungen oft zu spät erkannt oder unterschätzt.
Unternehmen sind gefordert, sich diesem Thema vermehrt zu widmen. Die neue Hitzeschutzverordnung ist ein wichtiger Baustein. Aber auch darüber hinaus ist Wissen über die Auswirkungen von Hitze essenziell, um Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz langfristig zu erhalten. Je besser Beschäftigte und Organisationen verstehen, wie Hitze auf Körper und Psyche wirkt, desto eher können geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Wissen über diese Zusammenhänge ist damit nicht nur ein Beitrag zur individuellen Gesundheit, sondern auch ein wichtiger Bestandteil moderner Arbeitsgestaltung.
Schlafmangel als versteckte Belastung
Bei Hitze schlafen wir schlechter, weil unser Körper Schwierigkeiten hat, seine Temperatur für einen erholsamen Schlaf zu senken. Um einschlafen zu können, muss sich die Körperkerntemperatur auf etwa 36 °C absenken, was bei hohen Außentemperaturen erschwert wird. Zudem wird bei Hitze weniger vom Schlafhormon Melatonin produziert. Besonders in dicht bebauten Städten mit sogenannter „städtischer Wärmeinsel“ kühlen Wohnungen nachts oft nur unzureichend ab.
Die Folgen sind Einschlafprobleme, häufiges nächtliches Aufwachen und insgesamt eine geringere Schlafqualität. Bereits wenige Nächte mit unzureichendem Schlaf können zu Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Reizbarkeit und emotionaler Instabilität führen. Aufmerksamkeit, Entscheidungsfähigkeit, Motivation oder emotionale Stabilität sind aber wichtige Fähigkeiten für sicheres Arbeiten.
Was Betriebe tun können
Eine Studie aus dem Jahr 2025 (When weather wounds workers: The impact of temperature on workplace accidents) zeigt, dass mit steigenden Temperaturen auch die Zahl der Arbeitsunfälle steigt. An Tagen mit über 30 °C beträgt der Anstieg 7,4 Prozent – und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter und Einkommen. Und auch unabhängig von der Branche! Für Beschäftigte, die überwiegend draußen arbeiten, führte die Hitze am Tag zu mehr Unfällen, während bei Bürokräften die Temperaturen in den Nächten davor eine größere Rolle spielten und hitzebedingter Schlafmangel sie unsicherer werden ließ.
Beschäftigte über den (beruflichen wie privaten) Umgang mit Hitze zu unterweisen, leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Arbeitssicherheit und sollte demnach im Interesse aller Unternehmen sein. Die Gefahren durch sommerliche Hitzeperioden müssen zukünftig in die Gefährdungsbeurteilungen, insbesondere auch in die Evaluierung der psychischen Belastungen, aufgenommen werden. Nur so können Gefährdungen rechtzeitig erkannt und Entlastungsmaßnahmen gesetzt werden. Beispiele hierfür sind etwa die Anpassung von Arbeits- und Pausenzeiten, Entwärmungspausen in gekühlten Sozialräumen, das Anbieten von Trinkpausen und Getränken, gelockerte Bekleidungsvorschriften oder bauseitige Sonnenschutzmaßnahmen.
Gefährliche Wechselwirkungen mit Medikamenten
Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft Arzneimittel, insbesondere solche, die auf das Nervensystem wirken. Viele Psychopharmaka – etwa Antidepressiva, Neuroleptika oder bestimmte Beruhigungsmittel – können die Fähigkeit des Körpers zur Temperaturregulation beeinflussen. Manche Präparate vermindern beispielsweise das Schwitzen, erzeugen ein verringertes Durstgefühl, erhöhen die Körpertemperatur, verändern den Flüssigkeitshaushalt oder führen durch die erweiterten Blutgefäße zu einer veränderten Aufnahme der Wirkstoffe in den Körper.
Aber auch andere Medikamente (z. B. Herz- oder Insulinmedikamente) sind bei Hitzewellen mit teilweise weitreichenden Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Deshalb ist es besonders wichtig, aufmerksam auf allfällige Veränderungen des Befindens zu achten und sich bei Ärzt:innen oder in der Apotheke rechtzeitig zu informieren. Mit Arbeitgeber:innen wird über dieses heikle und persönliche Thema oft nicht gesprochen – aber Arbeitsmediziner:innen, Sicherheitsvertrauenspersonen und Betriebsrät:innen sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und daher gute Ansprechpartner:innen.
Wenn hohe Temperaturen aufs Gemüt schlagen
Viele Beschäftigte bemerken an besonders heißen Tagen, dass sie schneller gereizt oder erschöpft sind. Das ist kein Zufall. Hohe Temperaturen wirken auf das zentrale Nervensystem und beeinflussen hormonelle sowie neurobiologische Prozesse. Studien zeigen, dass extreme Hitze mit einer erhöhten emotionalen Belastung einhergehen kann und auch die Fähigkeit zur emotionalen Selbstkontrolle abnimmt. Konzentrationsfähigkeit, Geduld und Stressresistenz nehmen ab, während Aggressivität und Frustration häufiger auftreten.
Menschen mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen können besonders sensibel auf Hitze reagieren. Depressionen, Angststörungen oder bipolare Störungen können sich während längerer Hitzeperioden verstärken. Die Kombination aus körperlicher Belastung, Schlafmangel und sozialem Stress wirkt dabei oft als zusätzlicher Auslöser.
Frauen sind aufgrund von physiologischen Unterschieden übrigens von Hitze insgesamt stärker betroffen als Männer. Frauen schwitzen weniger und können aufgrund des größeren Anteils von subkutanem Fettgewebe Wärme schlechter abgeben.