Stressfaktor Klimakrise
Extremwetter, Hitze und Zukunftsängste belasten zunehmend die psychische Gesundheit – und werden damit zu einem wachsenden Risiko für Beschäftigte.
Im Herbst des vergangenen Jahres gab die MedUni Wien bekannt, dass etwa zwei Millionen Menschen in Österreich an einer psychiatrischen Erkrankung leiden. Psychische Erkrankungen zählen mittlerweile zu den Hauptursachen für Langzeitkrankenstände und Frühpensionierungen. In diesem ohnehin belasteten Umfeld wirkt die Klimakrise als massiver, zusätzlicher Stressfaktor für die arbeitende Bevölkerung. Während im österreichischen Klimasachstandsbericht ein Mangel an nationaler Forschung beklagt wird, zeigen internationale Studien schon jetzt ein klares Bild der Auswirkungen.
Direkte Folgen: Wenn die Umwelt die Psyche belastet
Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Hochwasser und Dürren sind längst keine theoretischen Szenarien mehr, wie auch die Hochwasserkatastrophe in Österreich im September 2024 verdeutlichte. Studien belegen, dass etwa ein Drittel der Betroffenen nach solchen Ereignissen an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen oder Angstzuständen leidet.
Mit der steigenden Hitze nehmen auch psychische Erkrankungen und das Aggressionspotenzial zu. Wie komplex diese Zusammenhänge sind, zeigt eine Studie der TU Wien: Demnach steigt nach mehreren Tropennächten die Unfallhäufigkeit auf Baustellen um 30 Prozent. Die Forscher:innen vermuten, dass Hitze die Schlafqualität verschlechtert und dadurch die Konzentration am Arbeitsplatz abnimmt. Eine Umfrage aus dem Oktober 2024 verdeutlicht zudem, wie präsent die Folgen der Klimakrise im Alltag sind: 11 Prozent der Österreicher:innen erlitten bereits Schäden durch Extremwetter, weitere 27 Prozent stufen die persönliche Gefahr durch die Klimakrise als hoch ein.
Indirekte Folgen: Ohnmacht, Wut und „Eco-Anxiety“
Die ökologischen Veränderungen wirken sich auch indirekt auf das psychische Wohlbefinden aus. Laut einer aktuellen Umfrage nehmen 68 Prozent der Österreicher:innen die Klimakrise als größte Herausforderung unserer Zeit wahr. Rund die Hälfte sorgt sich um die Zukunft nachfolgender Generationen, 40 Prozent äußern Wut über das aus ihrer Sicht mangelnde Handeln von Politik und Wirtschaft und ein Viertel fühlt sich der Situation hilflos ausgeliefert.
In der Forschung werden solche Reaktionen unter dem Begriff „Eco-Anxiety“ (Klimaangst) beschrieben: eine chronische Angst vor dem ökologischen Untergang. Diese Belastungen sind kein Randphänomen mehr, sondern entwickeln sich zunehmend zu einer gesellschaftlichen Herausforderung.
Prävention und politische Pflichten
Wissenschafter:innen kritisieren im Klimasachstandsbericht, dass die gesundheitliche Prävention in Österreich noch am Anfang steht. Während Institutionen wie das deutsche Umweltbundesamt zumindest grundlegende Informationsangebote zur psychischen Gesundheit in der Klimakrise bereitstellen, fehlt in Österreich bislang Vergleichbares weitgehend.
Aus Sicht der Arbeitnehmer:innen ist klar: Selbsthilfeangebote allein können keine Systemfehler abfedern. Notwendig ist ein umfassender sozialer und ökologischer Umbau der gesamten Wirtschaft – denn konsequenter Klimaschutz ist letztlich der wirksamste Gesundheitsschutz.
Magazin Gesunde Arbeit 2/2026, Stamm-Ausgabe