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„Jugendliche haben ein Recht auf gesunde und sichere Arbeitsbedingungen!“

Seit einem Jahr ist Caroline Krammer Direktorin für Prävention und Leistungswesen der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA). Im Interview spricht sie über aktuelle Herausforderungen, den besonderen Schutz von Lehrlingen und darüber, warum der große Mehrwert von Prävention noch sichtbarer werden muss.

„Jugendliche haben ein Recht auf gesunde und sichere Arbeits bedingungen!“ Markus Zahradnik

Wofür sind Sie als AUVA-Direktorin verantwortlich und was ist Ihnen besonders wichtig? 
Verantwortlich bin ich für sichere und gesunde Arbeitsbedingungen in österreichischen Betrieben. Beschäftigte müssen sich darauf verlassen können, dass Bedingungen vorherrschen, unter denen sie gerne und gut arbeiten können. Gerade bei jungen Menschen haben wir große Verantwortung, denn sie kommen erstmals in Kontakt mit der Arbeitswelt. Indem wir einen entsprechenden Rahmen schaffen, haben wir die Chance, ihnen aufzuzeigen, dass sicheres und gesundes Arbeiten ihr Recht ist und wir auf sie achten. 

Welche Schwerpunkte wollen Sie in der Prävention setzen? 
Alle Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Erkrankungen sind vermeidbar. Das ist der Grundgedanke der Vision Zero. Die Vision ist mir aber zu wenig, darum arbeiten wir an der Mission Zero. Dabei setzen wir auf Kommunikation, indem wir Betriebe für Prävention sensibilisieren und den Mehrwert aufzeigen. Außerdem setzen wir auf Kompetenz. Als kompetente Partnerin unterstützen wir Betriebe durch Schulungen, Beratungen, Evaluierungen und mit Kampagnen. Und wir setzen auf Commitment: Prävention wirkt! Schützt Leben und senkt Kosten. Wir können aber nur handeln und unserem gesetzlichen Auftrag nachkommen, wenn wir von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten wissen. Gerade bei Berufskrankheiten brauchen wir vor allem Ärzt:innen als Erstansprechpartner:innen im System, die uns diese Fälle auch melden. Nur dadurch ermöglichen wir zielgerichtete Behandlung, Reha und bessere Prävention. 

Wie entwickeln sich Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten in Österreich? 
Die Arbeitsunfälle sind seit den 1980er-Jahren deutlich zurückgegangen und liegen heute auf einem relativ konstant niedrigen Niveau. 2024 wurden 146.671 Arbeitsunfälle und 1.368 Berufskrankheiten anerkannt. Trotz guter Entwicklung ist jeder einzelne Fall einer zu viel. Darum ist uns auch die Mission Zero so wichtig. Dafür müssen wir unsere Kompetenz noch deutlicher hervorheben und in die Betriebe weitertragen. 

Welche Bedeutung hat die Erweiterung der Berufskrankheitenliste um hellen Hautkrebs? 
Die Aufnahme von hellem Hautkrebs durch UV-Belastung macht das Problem sichtbar und zeigt die Notwendigkeit von Prävention auf. Es gibt bereits erste anerkannte Fälle, das System läuft also an. Wir rechnen aber mit mehr Meldungen, wenn Bewusstsein und Meldedisziplin steigen. 

Welche Rolle spielt die neue Hitzeschutzverordnung in der Prävention? 
Sie ist ein zentrales Instrument, um Risiken durch Hitze und UV-Strahlung systematisch zu vermindern. In sehr vielen Berufen in Österreich sind Menschen extremer Hitze und UV-Belastung ausgesetzt, und dieser Druck wird durch den Klimawandel steigen. Darum sind wir sehr froh, dass jetzt Rechtssicherheit für Betriebe und Schutz für Beschäftigte hergestellt werden. Wir unterstützen die Betriebe mit praxisnahen Checklisten, persönlicher Beratung mit Arbeitsmediziner:innen und Präventionsexpert:innen vor Ort. 

Warum sind Jugendliche und Lehrlinge besonders auf Schutz angewiesen? 
Jugendliche befinden sich in einer kritischen Entwicklungsphase und steigen mit wenig Erfahrung in eine komplexe Arbeitswelt ein. Das Unfallrisiko von Lehrlingen etwa ist in den ersten fünf Berufsjahren doppelt so hoch wie jenes von erfahrenen Kolleg:innen. Dazu kommen psychische Belastungen wie Leistungsdruck, soziale Spannungen, Mobbing und sexuelle Belästigung. Junge Menschen haben oft auch weniger Strategien, um damit umzugehen. Daher ist die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber:innen gerade bei Lehrlingen und jungen Beschäftigten besonders wichtig. 

Wo in der betrieblichen Praxis funktioniert das schon gut und was muss sich verbessern? 
Immer dort, wo Betriebe ein echtes Bekenntnis zu Jugendschutz abgeben und den Mehrwert zufriedener und gesunder Lehrlinge sehen, läuft es gut. Verbesserungsbedarf sehe ich besonders bei der verpflichtenden Evaluierung arbeitsbedingter psychischer Belastungen, die ja im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz verankert ist. Außerdem müssten innerhalb dieser gerade bei Jugendlichen Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen und Führungsverhalten stärker berücksichtigt werden. In der Arbeitsplatzevaluierung brauchen wir einen deutlicheren Schwerpunkt auf Gewalt und sexuelle Belästigung, mit mehr Sensibilisierung und konkreten Präventionskonzepten. Die Betriebe haben es in der Hand, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass junge Menschen sicher und gesund arbeiten können. 

Wie unterstützt die AUVA Lehrbetriebe und Lehrlinge konkret? 
Wir arbeiten mit vier Säulen. Wir unterstützen Ausbildende mit dem Programm „Auszubildende@work“. Wir stärken Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen mit einem „Train the Trainer“-System und Unterrichtsmaterialien. Hervorzuheben ist hier das umfassende Präventionsprogramm „Jugendliche in Ausbildung (JiA)“ mit dem Ziel, Präventionskompetenz praxisnah zu fördern. Wir arbeiten im direkten Dialog mit Jugendlichen: in ihrer Sprache, mit ihren Gedanken und Ideen. Hier reichen die Themen von psychischer Gesundheit und Lärm über Ablenkung durch Handy und Kopfhörer bis hin zu „Style und Sicherheit“. Und wir erarbeiten mit der Wirtschaft Initiativen wie die „Schoolgames“, bei denen Jugendliche durch die Augen von Arbeitgeber:innen unter dem Motto „Prävention trifft Wirtschaft“ blicken können. Außerdem gibt es eine Initiative mit Fokus auf Hautbelastungen, die sich vor allem an immer noch eher weiblich dominierte Branchen richtet. Wir müssen bei Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz Mädchen und junge Frauen besser erreichen. 

Wie wichtig ist das Bekenntnis zur Prävention durch die Betriebe? 
Prävention funktioniert nur, wenn wir sie gemeinsam umsetzen. Und sie zahlt sich aus: durch weniger Krankenstände, höhere Zufriedenheit, bessere Produktivität, sogar im Werben um Fachkräfte. Außerdem werden gesundheitskompetente, sicherheitsbewusste junge Menschen oft zu wichtigen Multiplikator:innen, möglicherweise in einer künftigen Dienstgeber:innenfunktion. 

Caroline Krammer, Direktorin für Prävention und Leistungswesen der AUVA, betont: Prävention wirkt am besten, wenn alle an einem Strang ziehen – mit Vorteilen für Gesundheit, Zufriedenheit und Produktivität. Markus Zahradnik

 

 

Magazin Gesunde Arbeit 1/2026, Stamm-Ausgabe