Junge Beschäftigte schützen: Wie Unfallprävention wirkt!
Die Zahl der Arbeitsunfälle von Lehrlingen ist in den letzten zehn Jahren gesunken, jedoch in den ersten fünf Berufsjahren noch immer doppelt so hoch wie bei Dienstälteren. Ein Drittel berichtet, belastenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein. Diese erhöhen das Unfallrisiko. Junge Menschen brauchen von Anfang an sichere, gesundheitsförderliche Arbeitsplätze.
Jugendliche sind häufiger von Arbeitsunfällen betroffen als ältere Beschäftigte. Einerseits befinden sich junge Menschen in einer Entwicklungsphase, in der körperliche und psychosoziale Reifungsprozesse noch nicht abgeschlossen sind. Andererseits werden die Bedingungen am Arbeitsplatz ihrem Alter und ihren geringeren beruflichen Erfahrungen oft nicht gerecht. Daraus ergeben sich mehrere Faktoren, die zu einem erhöhten Unfallrisiko beitragen, wie auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) festgestellt hat.
Risikofaktoren: Wenn Mut gefährlich wird
Junge Arbeitnehmer:innen können Gefahren schlechter einschätzen als ältere. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Autonomie, aber auch nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Das fördert – insbesondere bei männlichen Jugendlichen – risikoreiches Verhalten. Da sie fürchten, es könnte ihrem Ansehen im Betrieb schaden, schrecken viele davor zurück, Gefahrensituationen anzusprechen. Maschinen und Geräte sind für Erwachsene konstruiert, nicht für den noch nicht ausgereiften Körper junger Menschen. Das erschwert Jugendlichen die Handhabung und kann zu Kontrollverlust und in der Folge zu Unfällen führen.
Lehrlinge als Berufseinsteiger:innen lernen den Betrieb erst kennen. Sie sind mit Abläufen, Geräten und Maschinen weniger vertraut und wissen daher nicht, welche Risiken auftreten können. Zuständigkeiten und informelle Strukturen sind ebenfalls neu für sie, was ein Hindernis darstellt, um bei Problemen Hilfe oder Verbündete zu suchen. Oft mangelt es Lehrlingen an Informationen über ihre Rechte als junge Arbeitnehmer:innen.
Handlungsbedarf bei Arbeitgeber:innen
Neben dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) gilt für junge Beschäftigte auch das Kinder- und Jugendlichen-Beschäftigungsgesetz (KJBG), das deren besondere Schutzbedürftigkeit berücksichtigt. Mit dem Berufsausbildungsgesetz (BAG) werden die Pflichten der Lehrberechtigten geregelt. Dass diese gesetzlichen Schutzbestimmungen in der betrieblichen Praxis nicht immer eingehalten werden, zeigen AK-Beratungen und der Lehrlingsmonitor auf. Lehrlinge, die sich wegen Problemen in der Ausbildung an die Arbeiterkammer wenden, klagen häufig über Verstöße gegen die Arbeitszeitregelung, Mängel in der Ausbildung, verbotene Arbeiten oder Tätigkeiten, die nicht mit dem Wesen der Ausbildung vereinbar sind.
Laut dem „Lehrlingsmonitor 2024“ der Österreichischen Gewerkschaftsjugend berichten 54 Prozent der männlichen und 72 Prozent der weiblichen Lehrlinge von belastenden Problemen in der Ausbildung. Insgesamt 42 Prozent nennen ein schlechtes Arbeitsklima, 26 Prozent Arbeitsbedingungen wie Stress oder Überstunden und 20 Prozent sagen, dass sie ausgenutzt worden sind. All diese Faktoren können das Unfallrisiko erhöhen.
Unfallhäufigkeit im Faktencheck
Die Arbeitsunfallstatistik der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) weist für Lehrlinge bzw. jugendliche Arbeitnehmer:innen in den ersten fünf Berufsjahren ein doppelt so hohes Unfallrisiko aus wie für Dienstältere. 2024 ging knapp ein Viertel der Krankenstandstage junger Beschäftigter auf Unfälle zurück, so der „Fehlzeitenreport 2025“ des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Darin wird die höhere Anzahl an Fehltagen von unter 20-Jährigen unter anderem damit begründet, dass diese öfter in – unfallträchtigeren – Arbeiter:innenberufen tätig sind; Verletzungen und Vergiftungen betreffen Personen bis 24 Jahre überdurchschnittlich stark. Die häufigsten Unfallursachen bei jungen Beschäftigten sind laut AUVA Verlust der Kontrolle über Maschinen, Werkzeuge oder Transportmittel, unkoordinierte Bewegungen sowie Stürze und Abstürze.
Im Langzeitvergleich ist eine positive Tendenz erkennbar. Lag die in der AUVA-Statistik erfasste Anzahl der Arbeitsunfälle (inklusive Wegunfälle) von Lehrlingen 2015 noch bei 9.343, sank sie kontinuierlich bis auf 8.451 im Jahr 2019. 2020 war aufgrund der Pandemie mit Lockdowns und Kurzarbeit ein Einbruch auf 6.516 Arbeitsunfälle zu verzeichnen. Danach erfolgte eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau als vor Corona von bis zu circa 7.300 Unfällen jährlich. Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren lässt sich nicht mit einer geringeren Zahl an Lehrlingen erklären, weil diese laut WKO-Statistik seit 2015 weitgehend stabil geblieben ist.
Sicherheit beginnt bei der Unternehmenskultur
Um die Zahl der Unfälle von Lehrlingen weiter zu senken, müssen die Vorgaben von ASchG, KJBG und BAG unbedingt eingehalten werden – etwa bezüglich der Arbeitszeiten, der Verwendung von Arbeitsmitteln und -stoffen, der Aufsichtspflicht sowie der Berücksichtigung von Körperkraft, Alter und Ausbildungsstand. Information und Unterweisung sollten altersadäquat erfolgen. Eine Kontrolle, ob die gelehrten Inhalte verstanden worden sind, ist erforderlich – vor allem bei Personen mit nicht deutscher Muttersprache. Sensibilisierung für die Gefahren am Arbeitsplatz fördert deren realistische Einschätzung und senkt die Risikobereitschaft.
Eine wesentliche Rolle spielt die gelebte Unternehmenskultur. Lehrlingen sollte vermittelt werden, dass sie Gefahren am Arbeitsplatz jederzeit offen zur Sprache bringen können. Es ist hilfreich, wenn Betriebs- und Jugendvertrauensrät:innen, Sicherheitsvertrauenspersonen, Ausbildner:innen und andere Ansprechpersonen aktiv den Austausch mit den neuen jungen Kolleg:innen suchen, um deren Hemmschwellen abzubauen. Gibt es Probleme in der Ausbildung, können sich Lehrlinge auch an die AK oder den ÖGB wenden.
Magazin Gesunde Arbeit 1/2026, Stamm-Ausgabe