Gesunde Arbeit

Runter mit der Last! Muskel- und Skeletterkrankungen vorbeugen

ArbeitnehmerInnen sind tagtäglich mit vielen Belastungen konfrontiert, die zu Muskel- und Skeletterkrankungen (MSE) führen können. Es braucht gesetzliche Vorgaben und ein größeres Bewusstsein für die diesbezüglichen Risiken. Denn viele der Erkrankungen ließen sich durch präventive Maßnahmen verhindern.
Belastungen des Muskel- und Skelettapparates können zu Erkrankungen des Stützapparates führen.
Bei Fließbandarbeit kann es zu Fehl­belastungen und Überlastungen des Muskel- und Skelettapparates kommen.
Wenn Belastungen täglich über Wochen, Monate und Jahre auftreten, dann nimmt auch die Wahrscheinlichkeit, davon krank zu werden, stark zu.
Mann mit auf Long-Shirt projiziertem Schultergelenk Belastungen des Muskel- und Skelettapparates können zu Erkrankungen des Stützapparates führen.
Arbeiter am Fließband beim Heben Bei Fließbandarbeit kann es zu Fehl­belastungen und Überlastungen des Muskel- und Skelettapparates kommen.
Grafik Wenn Belastungen täglich über Wochen, Monate und Jahre auftreten, dann nimmt auch die Wahrscheinlichkeit, davon krank zu werden, stark zu.

Belastungen des Muskel- und Skelettapparates sind so unterschiedlich wie die Tätigkeiten, die im Zuge des Arbeitsalltages verschiedenster Berufsgruppen ausgeführt werden. In den einzelnen Branchen gibt es dafür zahlreiche Beispiele:
So stellen Tätigkeiten, die am Boden verrichtet werden, wie beispielsweise bei FliesenlegerInnen, vor allem eine starke Belastung der Knie dar. In der Produktion ruft die Fließbandarbeit aufgrund der repetitiven Tätigkeit und Schnelligkeit eine Daueranspannung der Rücken- und Armmuskeln hervor. Wenn am Bau Arbeiten über Kopf ausgeführt werden müssen, wie beispielsweise beim Bedienen eines Bohrers über Kopf, bedeutet das eine Daueranspannung von Muskeln und eine statische Überbelastung. Arbeiten in gebückter Haltung über einen längeren Zeitraum können zu einer Verbiegung der Wirbelsäule führen. Im Handel kommt es beim Einräumen von Regalen zu einer körperlichen Belastung durch das ständige Hocken und Strecken, die die Rückenmuskulatur überlastet und zu einer schlechten Durchblutung der Beinmuskeln führt. Bei PaketzustellerInnen, die besonders seit Beginn der Corona-Pandemie vermehrt im Einsatz sind, ergeben sich aufgrund der Geschwindigkeit, der Fehlbelastungen sowie durch ungünstige Verhältnisse wie Stockwerke ohne Lift oder unhandliche Pakete zahlreiche Belastungen. In der Pflege ergeben sich durch das Heben, Ziehen und Tragen Überbeanspruchungen der Rückenmuskeln und ungleichmäßige Bandscheibenbelastungen. Bei BerufskraftfahrerInnen kommt es durch die lang andauernde sitzende Tätigkeit zu Überlastungen der Rückenmuskeln, ungleichmäßiger Bandscheibenbelastung sowie Blutstauung in den Beinen. Darüber hinaus stellen je nach Straßenverhältnissen Schwingungen und Stöße eine zusätzliche Belastung für den Muskel- und Skelettapparat dar.

Dies sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, wie vielfältig die Belastungen im Berufsalltag sein können und wie viele Tätigkeiten davon betroffen sind.


Arten von Muskel- und Skeletterkrankungen
Wie diese Beispiele bereits zeigen, können die Belastungen auf den Muskel- und Skelettapparat unterschiedliche Erkrankungen hervorrufen, wie Dr. Erich Pospischil, Facharzt für Arbeitsmedizin, betont. Dazu zählen Erkrankungen des Stützapparates (der Wirbelsäule), aber auch der Gelenke (Schultern, Ellenbogen, Knie) sowie kleiner Gelenke (Fußwurzel und Handwurzel). Aber auch chronische Erkrankungen sowie entzündliche Erkrankungen (Rheuma) können auftreten. Zu unterscheiden ist zudem zwischen akuten Erkrankungen, wie beispielsweise einem Bandscheibenvorfall oder Unfällen (zum Beispiel Muskeleinrisse oder Knochenbrüche), und Muskelerkrankungen, die durch Überbeanspruchung, Fehlbeanspruchung oder Verhärtungen im Muskelbereich hervorgerufen werden.

Unterschiedliche Belastungen
Bei den Belastungen des Muskel- und Skelettapparates wird unterschieden zwischen Fehlbelastungen und Überbelastungen. Neben schwerem Heben und Tragen sind auch einseitige Zwangshaltungen und Dauerbelastungen ohne Abwechslung schädlich für den Körper. Grundsätzlich gilt: Je mehr Abwechslung in den Bewegungen ist, desto besser fühlt sich der Körper.
Wenn es darum geht, die Belastungen zu klassifizieren, so kann in körperliche und psychische Faktoren unterteilt werden (Quelle: AK-Broschüre „Heben und Tragen leicht gemacht“):


Körperliche Belastungen

  • Zwangshaltungen des Körpers: zum Beispiel länger dauerndes Stehen, Sitzen, Bücken, Knien, Hocken etc.
  • Daueranspannung von einzelnen Muskeln: zum Beispiel Bohrmaschine über Kopf halten, Tragen einer Last etc.
  • Rasche Bewegungswiederholungen: zum Beispiel ständig wiederholte und rasche Bewegungsabläufe wie Tastaturarbeit, Schraubendrehen, Fließbandarbeit etc.
  • Hohe Muskelanstrengung: zum Beispiel Sand schaufeln, Gehen mit einer Last etc.
  • Schwingungen und Vibrationen: zum Beispiel Vibrationen, die über Kontakt der Hände und Arme mit Maschinen wirken (über einen Bohrhammer oder eine Schleifmaschine) oder die über Kontakt der Füße, Beine bzw. des gesamten Körpers mit Maschinen und Fahrzeugen wirken (Traktoren, Gabelstapler, Kompressoren, Stanzen etc.)

Psychische Belastungen
Auch psychische Belastungen haben eine Auswirkung auf das Auftreten und die Ausprägung von Rückenbeschwerden und können zu Fehlbeanspruchungen des Muskel- und Skelettsystems führen:

  • Arbeitsunzufriedenheit
  • Monotonie
  • Schlechte Arbeitsbeziehungen und Rollenkonflikte
  • Widersprüchliche Zielsetzungen
  • Arbeitsstress, Zeitdruck und Arbeitstempo
  • Fehlende Entscheidungsmöglichkeiten
  • Geringe Anerkennung
  • Wahrgenommene Gefährlichkeit der Arbeit
  • Emotionale Anstrengung

Wie stark sich diese körperlichen und psychischen Belastungen auf den Muskel- und Skelettapparat auswirken, hängt von mehreren Faktoren ab (Quelle: AK-Broschüre „Heben und Tragen leicht gemacht“):

  • Belastungsarten
  • Belastungsstärke
  • Belastungsanzahl
  • Belastungshäufigkeit
  • Belastungsdauer

Auch die Eigenschaften der Person sowie das Belastungsumfeld haben Auswirkungen auf das Entstehen von MSE. Beim Belastungsumfeld spielen unter anderem Faktoren wie Hitze, Kälte, Lichtverhältnisse, der Bewegungsraum oder die Bodenbeschaffenheit eine Rolle.

ArbeitnehmerInnenschutz großschreiben
Laut aktuellen Angaben der Arbeitsinspektion sind etwa 20 Prozent aller Krankenstände auf Muskel- und Skeletterkrankungen (MSE) zurückzuführen. In einer europäischen Erhebung der EU-OSHA über die Arbeitsbedingungen aus dem Jahr 2015 gaben sogar rund 3 von 5 ArbeitnehmerInnen an, unter Muskel- und Skeletterkrankungen zu leiden, wobei Schmerzen im Rücken und in den oberen Gliedmaßen am häufigsten genannt wurden.

Was es vor allem braucht, um die Belastungen des Muskel- und Skelettapparates zu verringern, sind verbindliche gesetzliche Vorgaben. Ein großer Kritikpunkt der ArbeitnehmervertreterInnen ist, dass es keine Verordnung für das Heben und Tragen gibt. Hier müssten dringend Obergrenzen für Einzellasten und Grenzen für maximal zulässige Gesamtlasten pro Tag festgelegt werden. Zwar gibt es im Mutterschutz sowie im Jugendschutz gesetzliche Obergrenzen, aber im ArbeitnehmerInnenschutz existieren lediglich Empfehlungen, die rechtlich nicht verbindlich sind. „Bis dato gibt es keine Verordnung zur Lastenhandhabung“, kritisiert Dr. Pospischil.

Die systematische Ermittlung von Gefahren am Arbeitsplatz (Arbeitsplatzevaluierung) ist ein wichtiger Schritt in Richtung gesündere Arbeitsbedingungen und die Eindämmung der Belastungen. Nur so kann proaktiv gehandelt und sichergestellt werden, dass Erkrankungen gar nicht erst auftreten.


Nicht warten, bis es zu spät ist
Arbeitsmediziner Dr. Erich Pospischil kennt einige Beispiele aus seinem Berufsalltag, bei denen er mit den Auswirkungen von Belastungen des Muskel- und Skelettapparates konfrontiert war. So berichtet er von einer Arbeitnehmerin, die im Bürobereich tätig ist und aufgrund des abgewinkelten Handgelenks bei der Bildschirmarbeit an einem Carpaltunnelsyndrom litt, was sich durch Schmerzen im Bereich der Handwurzel bemerkbar machte. Zwar kann durch eine Operation in diese chronische Erkrankungsform eingegriffen werden, doch was es laut Dr. Pospischil in einem solchen Fall vor allem braucht, ist eine Intervention am Arbeitsplatz, die die ergonomischen Verhältnisse verbessert. Durch den Einsatz einer Handauflage konnten bereits wesentliche Verbesserungen erzielt werden, sodass der chronische Verlauf der Erkrankung unterbrochen werden konnte und eine Operation nicht mehr nötig war.

Ein weiterer Fall betraf einen Arbeitnehmer, der aufgrund der repetitiven Tätigkeit am Fließband an einem Tennisellenbogen litt. Dies schränkte ihn in den Drehbewegungen der Hände ein, was zu einem Kraftverlust und zu vermehrten Krankenständen führte. Die Behandlung ist mit vielen Strapazen verbunden, doch schon minimale Änderungen im Bewegungsablauf können eine solche Erkrankung verhindern. Dr. Pospischil betont daher die Wichtigkeit von präventiven Maßnahmen, um solche Erkrankungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn der Grundsatz lautet: Es sollte niemals gewartet werden, bis es zu spät ist.


Fokus Prävention
Wenn man von akuten Verletzungen absieht, sind MSE vor allem Erkrankungen, die häufig eine lange Latenzzeit aufweisen. Das bedeutet, dass die körperlichen Auswirkungen oft nicht sofort sichtbar sind, sondern erst über einen längeren Zeitraum bzw. ab einem gewissen Alter auftreten.

Dies macht den Stellenwert von Prävention deutlich. Denn jede Erkrankung – egal ob Rückenschmerzen oder Verschleißerkrankungen bei Arm- und Fußgelenken, Knien und Bandscheiben –, die bereits von vornherein vermieden wird, erspart in der Zukunft körperliches Leid der ArbeitnehmerInnen bzw. im schlimmsten Fall sogar eine Arbeitsunfähigkeit. Darüber hinaus reduzieren heute gesetzte präventive Maßnahmen auch Krankenstände in der Zukunft sowie Kosten für ambulante und stationäre Behandlungen oder Rehabilitations- und Therapiemaßnahmen.

Wichtig sind laut Dr. Pospischil ausreichende Erholungspausen zwischen den Tätigkeiten, Ausgleichsübungen, Arbeitshilfen, die die Belastungen reduzieren, ergonomische Anpassungen des Arbeitsbereiches sowie ein stärkeres Bewusstsein für die Gefahren durch regelmäßige Schulungen, Beratungen und ein entsprechendes Trainingsangebot.

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