Gesunde Arbeit

Plus zwei Grad: Die Erde fiebert!

Im Sommer 2018 waren die Temperaturen um 2 °C höher als in den Jahren davor. Jene, die in klimatisierten Büros arbeiteten oder Urlaub hatten, empfanden den Sommer als angenehm: nicht extrem heiß, 40 °C wurden nicht überschritten. Doch diese Entwicklung ist gefährlich!
Schmelzender Gletscher Der Temperaturanstieg führt zu schmelzenden Gletschern und einem erhöhten Meeresspiegel.
Demo Fridays for Future Fridays for Future: Die jungen Menschen sprechen aus, was uns schon lange bewusst ist – es ist höchste Zeit zu handeln!

Der Befund ist klar – die globale Mitteltemperatur ist um mehr als ein Grad gestiegen, in Österreich um etwa 2,3 °C gegenüber vorindustriellem Niveau. Gleichzeitig verursachten aber Hitze und Trockenheit im Waldviertel eine Borkenkäferschäden ersten Ranges und in Vorarlberg Futterknappheit fürs Vieh: für Land- und Forstwirte ein Katastrophensommer. Der schneereiche und vergleichsweise kalte Winter bescherte manchen herrliche Skifahrten, andere litten unter Straßensperren und vom Schnee überlasteten Dächern.

Diagnose
Die Diagnose steht seit Langem fest. Zu viel Treibhausgase in der Atmosphäre, die zu rund 90 Prozent aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und zu zehn Prozent aus Landnutzungsänderungen, etwa der Rodung von Regenwäldern, stammen: 408 Volumsanteile pro Million (ppm) im Jahr 2018 gegenüber 180 bis 280 ppm während der letzten 600.000 Jahre. Treiber für diese Entwicklung sind die wachsende Weltbevölkerung und der steigende Anspruch der einzelnen Menschen, die exponentiell steigenden Energiebedarf nach sich ziehen.

Prognose
Auch hinsichtlich der Prognose sind sich die WissenschafterInnen einig: Wenn die Emissionen nicht dramatisch sinken, muss mit einem Anstieg der Temperatur um plus 3,5 °C und mehr gerechnet werden. Damit wären die Lebensmittelversorgung, die Verfügbarkeit von Wasser und die Biodiversität in ernster Gefahr. Der Anstieg des Meeresspiegels würde Millionen Menschen ihrer Heimat berauben und wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen wären unvermeidbar. Noch schlimmer ist jedoch, dass es mit zunehmender Temperatur immer wahrscheinlicher wird, dass die Temperatur überhaupt nicht mehr stabilisiert werden kann. Das würde die Erde zwar überleben, der Großteil der Menschheit jedoch nicht.

Maßnahmen
Es geht daher um Akutmaßnahmen und um kurz- bis mittelfristige Therapie: sofortige Anpassung an den bereits eingetretenen und nicht mehr zu verhindernden Klimawandel, rasche Minderung der Treibhausgasemissionen durch Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, erhöhte Energieeffizienz und Einsatz erneuerbarer Energien und mittelfristig Transformation zu einer dekarbonisierten Gesellschaft mit tief greifenden Änderungen des Wirtschafts- und Finanzsystems.

Jetzt handeln
Angesichts der klaren Diagnose und Therapie stellt sich die Frage, warum so wenig geschieht, warum Kinder und Jugendliche auf die Straße gehen müssen, im Kampf um ihre Zukunft (www.fridaysforfuture.org). Auf der individuellen Ebene geht es wohl in erster Linie um Bequemlichkeit, um das Dazugehören-Wollen zu den in der Werbung geschilderten Vorbildern und manchmal wohl auch um Unwissen. In der Gemeinde und im Betrieb spielen Umstellungskosten, kurzfristiges Denken und das Fehlen geeigneter Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Auf der Bundes- und Europaebene geht es vor allem um Festhalten an einem überlebten Wirtschafts- und Finanzsystem, an Werthaltungen der sogenannten Eliten statt jenen der Gesellschaft. Dabei steht die Politik vor allem in der Verantwortung, zeitnah die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die insbesondere klimafreundliches und nachhaltiges Handeln einfach und kostengünstig, klimaschädigendes Handeln hingegen unattraktiv und teuer machen. Eine sozial ausgewogene Verteilung von Kosten und Nutzen des Wandels ist dabei unerlässlich (www.scientistsforfuture.org).

Was tun?
Das Beispiel Mobilität zeigt deutlich auf, dass Klimaschutz nicht primär eine Sache des Verzichtes, sondern eine der Umstellung von Gewohnheiten ist, und dass Klimaschutzmaßnahmen ganz unmittelbar positive Konsequenzen für die/den Einzelne/n haben können. Wissenschaftliche Studien belegen eindeutig, dass Menschen, die zu Fuß in die Arbeit gehen oder mit dem Fahrrad dorthin fahren, wegen der körperlichen Aktivität und des Stressabbaus gesünder sind als solche, die den Pkw benutzen – sogar in Städten mit schlechter Luft. Zugleich führt der reduzierte Pkw-Verkehr zu geringerer Luftverschmutzung, Reduktion des Lärms und sichereren Schulwegen. Es bleibt mehr Platz für Grünflächen und Bäume, Straßen werden wieder zu Begegnungszonen mit mehr Kommunikation zwischen den EinwohnerInnen. Dass sich auch die Gemeinden und das Gesundheitswesen Geld ersparen, sei nur am Rande erwähnt.

Ähnliches gilt für die Ernährung: Reduziert man den Fleischkonsum auf die Ernährungsempfehlungen und steigert den Getreide-, Obst- und Gemüsekonsum bei gleichzeitiger Konzentration auf regionale, saisonale und biologische Produkte, so dient die ausgewogenere Ernährung der Gesundheit und auch die Aufnahme von landwirtschaftlichen Giften, von Hormonen und Antibiotika geht zurück. Die Produkte schmecken besser, weil sie an der Sonne gereift sind. Es werden bessere Standards der Tierhaltung erreicht und damit wird Tierleid reduziert. Der Boden kann Humus aufbauen und mehr Wasser speichern. Er wird resilienter gegenüber Trockenheit und kann Überschwemmungen verhindern. Dies wiederum bedeutet für die Bäuerinnen und Bauern verlässlichere Ernten. Zugleich sind Humusaufbau und reduzierte Fleischproduktion wichtige Beiträge zum Klimaschutz. Die Kostenreduktion im Gesundheitssystem ist als weiterer Bonus zu betrachten.

Im Grunde geht es darum, statt auf den Lebensstandard (gemessen an Einkommen, Autotyp, Urlaubsziel oder Größe des Fernsehbildschirms) auf materielle Güter und auf Lebensqualität zu achten. Diese wird bestimmt von dem sozialen Gefüge, in dem man sich geborgen fühlt, von der freien Einteilung von Zeit, dem Zugang zu intakter Natur, zu Kultur und Bildung, und natürlich auch von Gesundheit und Wohlbefinden. So betrachtet ist die Medizin, die der fiebernden Erde zu verordnen ist, zweifellos eine wohlschmeckende.

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