Gesunde Arbeit

Arbeitsdoping: „Wir brauchen ein erhöhtes Problembewusstsein“

Als ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts beschäftigt sich Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek mit Sucht und Suchtverhalten am Arbeitsplatz. Im Interview mit der „Gesunden Arbeit“ spricht er sich für ein erhöhtes Problembewusstsein beim Thema Arbeitsdoping aus.
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek: „Es ist zu empfehlen, dass man die Probleme, die mit der Suchterkrankung einhergehen, anspricht.“
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek: „Es ist zu empfehlen, dass man die Probleme, die mit der Suchterkrankung einhergehen, anspricht.“

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema Sucht am Arbeitsplatz gemacht?
Wir haben zweifache Erfahrungen mit Sucht am Arbeitsplatz gemacht: Zum einen kommen Patienten zu uns zur Behandlung, die Probleme mit Suchtmitteln haben. Zum anderen haben wir ein Projekt, bei dem Arbeitgeber lernen können, wie sie mit Sucht am Arbeitsplatz umgehen können. Wenn man ein Suchtgespräch führt, muss man sich vor Augen führen, dass es ein hoch schambesetztes Thema ist und dass man natürlich nur dann mit jemandem spricht, wenn man großes Vertrauen zu dieser Person hat. Daher ist das Erste und Wesentlichste, eine Vertrauensbasis mit der Mitarbeiterin/dem Mitarbeiter aufzubauen und nicht in eine Anklagesituation, sondern in eine Hilfestellungsposition zu kommen.

Welche negativen Einflüsse haben schlechte Arbeitsbedingungen beim Auftreten von Sucht? Fördern die heutigen Arbeitsbedingungen Suchtmittel, um besser abschalten zu können oder die Leistung zu steigern?
Einer der Hauptgründe, warum sich Menschen am Arbeitsplatz unwohl fühlen, ist, dass sie überfordert sind. Einerseits vom Arbeitsanfall, andererseits vom Arbeitsklima. Das führt zu Überforderung, und wenn wir überfordert sind, dann reagieren wir üblicherweise mit Angst und Spannung sowie mit erhöhter Reizbarkeit und Gereiztheit. Wenn wir in einen solchen Zustand kommen, dann wollen wir diesen rasch wieder loswerden. Und da gibt es eine ganze Reihe von Substanzen, die sehr rasch und sehr gut wirken. Aber praktisch alle diese Substanzen führen relativ bald zu einer sogenannten Toleranzentwicklung, das heißt, man muss immer mehr von der Substanz zu sich nehmen, um die gleiche Wirkung zu haben. Und der Großteil dieser Substanzen führt dann zu Suchtverhalten.

Wir leben in einer Zeit, wo wir hinsichtlich des Sportdopings ein hohes Bewusstsein entwickelt haben. Wenn ein Sportler Substanzen zu sich nimmt, um seine Leistung zu steigern, ist das verpönt und wird auch dementsprechend bestraft. Wir haben aber gar kein Problembewusstsein hinsichtlich des Arbeitsdopings. Wenn jemand hier Mittel einnimmt, um seine Leistung und seine Erfolge zu steigern, und davon dann auch abhängig wird, dann wird das – wenn überhaupt – nur ganz wenig thematisiert. Wir brauchen ein erhöhtes Problembewusstsein hinsichtlich des Alltagsdopings, denn das ist wesentlich weiter verbreitet als das Sportdoping.


Wie wirkt sich die Corona-Krise auf das Suchtverhalten aus und welche Gefahren birgt das Arbeiten im Homeoffice?
Wenn wir in eine Krisensituation kommen, sind Menschen massiv überfordert, reagieren mit Spannungen, Ängsten und überhöhter Reizbarkeit. Dieses Unwohlsein möchte man möglichst rasch wieder zum Abklingen bringen, und damit ist Tür und Tor für die Einnahme von Suchtmitteln geöffnet. Das heißt, bei jeder Krise müssen wir damit rechnen, dass der Suchtmittelkonsum verstärkt wird.

Homeoffice stellt ganz andere Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Zum Beispiel die Anforderung, sich selbst, den Tag zu strukturieren. Zudem kann man am Arbeitsplatz üblicherweise weitgehend ungestört arbeiten, was zu Hause nur dann möglich ist, wenn man allein lebt. Wenn man Kinder zu Hause zu betreuen hat oder jemand gepflegt werden muss, kommt es zu Mehrfachbelastungen. Wenn man sich selbst dann nicht ein entsprechendes Freizeitverhalten gönnt, kann das fatale Folgen haben.


Wie können ArbeitgeberInnen im Anlassfall handeln, ohne die betroffene Person zu stigmatisieren?
Suchterkrankung ist immer eine stigmatisierende und stigmatisierte Erkrankung. Stigmatisierung ist nahezu nicht vermeidbar, man muss sie nur vor Augen haben, wenn man problemhaftes Verhalten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anspricht. Daher sollte man immer Diagnosen vermeiden – zum einen, weil man meist von der Diagnosestellung überfordert ist, und zum anderen, weil man dann das Stigma ganz in den Vordergrund rückt. Viel eher ist zu empfehlen, dass man die Probleme, die mit der Suchterkrankung einhergehen, anspricht – zum Beispiel den Leistungsabfall, die häufigen Fehlzeiten oder die Ängste und Spannungen, die jemand erlebt, und wie man hier jemandem helfen kann, dass er einfach nicht in solche Überforderungssituationen kommt.

Und wie kann ich als ArbeitnehmerIn reagieren, wenn ich den Verdacht habe oder sogar direkt wahrnehme, dass ein Kollege/eine Kollegin suchtkrank ist?
Das Zentrale ist, dass man auf den Menschen zugeht und erst eine Vertrauensbasis aufbaut, bevor man das Problem anspricht. Andernfalls wird das Gegenüber blocken und die Sucht negieren. Zudem sollte man nicht anklagend, sondern verständnisvoll auf diejenige oder denjenigen zugehen. Und dann möglichst rasch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Was können ArbeitgeberInnen im Vorfeld tun? Wie sehen eine gelungene betriebliche Suchtprävention und gesunde Arbeitsbedingungen aus?
Suchtprävention kann auf zweierlei Weise erfolgen: zum einen als eine allgemeine Suchtprävention, das heißt eine Arbeitsplatzsituation zu gestalten, wo Überforderungen – seien sie durch die Arbeit selbst oder durch das Arbeitsklima – möglichst gering gehalten werden bzw. im Idealfall gar nicht passieren. Zum anderen, dass man das Thema anspricht, und zwar nicht auf eine besondere Person bezogen, sondern ganz allgemein. So lernt man, über die Suchtthematik zu sprechen, und gibt dem anderen die Möglichkeit, sich selbst ins Gespräch einzubringen.

Es gibt einige Grundvoraussetzungen, die eingehalten werden müssen, um psychische Gesundheit zu ermöglichen: erstens, dass wir uns selbst steuern können und uns auch selbst steuern dürfen, also das, was wir als Autonomie bezeichnen, und somit ein selbstgewähltes Leben führen können. Zweitens, dass wir eine Arbeitssituation vorfinden, wo das Lob seinen Platz hat. Lob ist der beste Motivator. Drittens: Fairness am Arbeitsplatz, also dass man sich fair behandelt und wertgeschätzt fühlt und dass auch das, was man tut, wertgeschätzt wird. Über all dem stehen aber die Freude und das Schöne: Wenn ich meine Arbeit als eine schöne und freudvolle Arbeit empfinde, dann werde ich einfach dementsprechend motiviert sein, Leistung zu erbringen.

Interview: Beatrix Mittermann, ÖGB-Verlag

Zur Person: Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek ist ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien und Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien und Berlin.

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