Gesunde Arbeit

Herausforderung Digitalisierung

Die schöne neue Arbeitswelt menschlich machen

News über die Errungenschaften der neuen Arbeitswelt finden sich fast täglich in den Medien. Auch wenn manches noch Utopie ist, sicher ist, dass die Arbeitswelt 4.0 neue Herausforderungen für den ArbeitnehmerInnenschutz mit sich bringt.
Die Arbeitswelt 4.0 bringt neue Herausforderungen für den ArbeitnehmerInnenschutz mit sich.
Pflegeroboter Henry
... im Einsatz im Haus der Barmherzigkeit.
... im Einsatz im Haus der Barmherzigkeit.
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Symbolbild zur Arbeitswelt 4.0 und den Herausforderungen der Digitalisierung Die Arbeitswelt 4.0 bringt neue Herausforderungen für den ArbeitnehmerInnenschutz mit sich.
Pflegeroboter Henry Pflegeroboter Henry
Pflegeroboter Henry im Einsatz im Haus der Barmherzigkeit ... im Einsatz im Haus der Barmherzigkeit.
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Als echten Pflegeroboter kann man Henry noch nicht bezeichnen. Der mannsgroße grüne Kegel mit dem Plexiglaskopf ist eher ein Animationsroboter: Vier Jahre lang hat er im Probebetrieb im Haus der Barmherzigkeit in Wien-Ottakring den PatientInnen via Touchscreen das Wetter, Nachrichten aus dem Haus und aller Welt oder den Speiseplan gezeigt. Wenn die Demenz-PatientInnen ihre Nordic-Walking-Runden in dem geräumigen Gebäude absolvierten, dann fuhr Henry voran und spielte motivierende Musik dazu.
Die Arbeitswelt 4.0 ist seit einiger Zeit ein Top-Thema, und egal ob SkeptikerIn oder Fan, meist geht es um Zukunftsszenarien und selten um die Realität. Christian Zwittnig vom Haus der Barmherzigkeit, wo auch die Akademie für Altersforschung beheimatet ist, weiß das und relativiert daher: „In unserem Bereich liegen die größten Potenziale durch die Digitalisierung derzeit bei Kommunikation, Vernetzung und Dokumentation. Wir arbeiten hier in einem besonders sensiblen Bereich und bisher gibt es Pflegeroboter nur im Testbetrieb oder als Pilotversuch – auch in Japan sind sie noch nicht alltäglich.“ Wesentlich früher wird der Roboter als dritte Pflege-Hand Realität, als eine Art autonom navigierender Verbandskasten.

Noch mehr Stressauslöser
Angst, durch Roboter ersetzt zu werden, hat im Pflegebereich (noch) niemand, die Beschäftigten haben aber durchaus Wünsche an die Technik: Transferunterstützung, Mobilitätshilfen oder Erinnerung an die Medikamenteneinnahme der PatientInnen. Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger, Leiter des Pflegekrankenhauses, kennt aber auch die Befürchtung der Beschäftigten, dass die Digitalisierung in naher Zukunft mehr Belastungen bringt: „Die Datenmengen werden zunehmen und ohne entsprechende Strukturierung, effiziente Suchfunktionen etc. bedeuten mehr Infos mehr Zeitaufwand und damit mehr Stress.“
Stress und Reizüberflutung kennen viele Beschäftigte: BürokollegInnen, die sich laut unterhalten, Anrufe am Handy und Festnetz, wahre E-Mail-Fluten und ständige Unterbrechungen erschweren konzentriertes Arbeiten. TaxifahrerInnen und Chauffeure sind fast im permanenten Multitasking-Modus, weil sie neben dem Fahren meist mehrere elektronische Gadgets bedienen müssen. Die Hoffnung auf Belastungsreduktion durch die Digitalisierung hat sich für viele Menschen nicht erfüllt. Laut DGB-Index Gute Arbeit 2016 brachte die Digitalisierung für 46 Prozent der Beschäftigten mehr und nur für neun Prozent weniger Belastung.

Mensch-Roboter-Interaktion
Das typische Bild der Arbeitswelt 4.0 ist die voll automatisierte Fabrik, in der nur noch Roboter und autonome Fahrzeuge zu sehen sind und keine Menschen. Mancherorts ist dieses Bild bereits Realität, im Hamburger Hafen etwa ist für das Be- und Entladen der Schiffe fast kein Personal mehr nötig. Weitaus spannender für den ArbeitnehmerInnenschutz wird es allerdings überall dort, wo Roboter und Menschen direkt zusammenarbeiten. Interaktionsfähige Roboter sind wesentlich leichter als die riesigen Industrieroboter, die man von Fotos großer Autofabriken kennt. Sie haben abgerundete Kanten oder sind mit Schaumstoff umhüllt. Denkbar sind zahlreiche Formen und Einsatzmöglichkeiten. Die Mensch-Roboter-Interaktion (MRI) stellt eine neue Herausforderung für den ArbeitnehmerInnenschutz dar. Die Taxonomie (einheitliches Verfahren zur Klassifizierung von Objekten) erlaubt einen strukturierten Vergleich verschiedener Mensch-Roboter-Systeme. Damit kann der Einfluss bestimmter Gestaltungsmerkmale des Roboters auf typische Human-Factors-Aspekte wie Vertrauen, Akzeptanz oder mentale Beanspruchung einer systematischen (Meta-)Analyse unterzogen werden. Auf dieser Basis können Empfehlungen für eine innovative und menschzentrierte MRI-Gestaltung entstehen.
Angesichts der rasanten technischen Fortschritte besteht auch politischer Handlungsbedarf. Das EU-Parlament forderte die Kommission daher vor Kurzem auf, Regeln für Robotik und künstliche Intelligenz (KI) vorzulegen. Derzeit ist etwa nicht einmal der Begriff „intelligente“ autonome Roboter genau definiert. Da Unfälle nicht gänzlich vermieden werden können, schlägt das Europäische Parlament einen speziellen Rechtsstatus für Roboter vor. Zumindest die „intelligentesten“ autonomen Roboter wären dann quasi elektronische Personen, die für von ihnen verursachte Schäden verantwortlich sind.

Smart Glasses
In Deutschland arbeitet die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) derzeit an Empfehlungen für den Einsatz von Datenbrillen (Head-Mounted Displays = HMD) am Arbeitsplatz. Basis dafür war ein zweijähriges Projekt, bei dem die „Bedingungen des sicheren und beanspruchungsoptimalen Einsatzes“ von Datenbrillen untersucht wurden.
Prinzipiell wird hier zwischen zwei Varianten unterschieden: Bei monokularen HMD befindet sich das Display nur vor einem Auge, binokulare HMD verfügen über getrennte Displays vor beiden Augen. Meist lassen sich so auch 3-D-Inhalte darstellen. Bei den sogenannten See-Through-Modellen sind die Displays halbtransparent und man kann auch die Umwelt sehen, bei Look-Around-Versionen ist keine Durchsicht möglich.

Die Ergebnisse der BAuA-Studie:

  • HMD sollten nur eingesetzt werden, wenn sie tatsächlich erforderlich sind. Am Schreibtisch beispielsweise ist „normales Arbeiten“ effizienter und weniger ermüdend.
  • Um sich an die neue Art der Informationsdarstellung zu gewöhnen, ist eine gewisse Eingewöhnungszeit nötig.
  • Vor allem während dieser Eingewöhnungsphase sollten ausreichend Pausen eingeplant werden. Da die Beanspruchung deutlich höher ist, sollten diese allerdings länger sein als bei herkömmlicher Bildschirmarbeit.
  • Essenziell ist eine verständliche Anleitung auch bezüglich Einstellung und Kalibrierung des HMD.

Weiteren Forschungsbedarf gibt es beim Thema Virtual-Reality-Sickness (Übelkeit, Schwindel, Orientierungslosigkeit, Schweißausbrüche und Benommenheit). Dem kann Hildegard Weinke, Sicherheits- und Gesundheitsexpertin der AK Wien, nur zustimmen: „Das Phänomen ist von Computerspielen mit VR-Brillen schon bekannt. Je nach Einsatzgebiet und Darstellungsweise ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Vermischung zwischen Wirklichkeit und virtuellen Darstellungen direkt vor den Augen auch am Arbeitsplatz nicht gut verkraftet wird.“

Flexibel und gestresst
Selbstverständlich bringen Robotik und Digitalisierung nicht nur Risiken und Nachteile: Exoskelette oder Fähigkeitsverstärker können ältere und körperlich eingeschränkte Beschäftigte bei der Arbeit unterstützen. Montagearbeitsplätze oder Autositze stellen ihre Ergonomie automatisch auf wechselnde ArbeitnehmerInnen ein.
Wearables (mit Sensoren ausgestattete, tragbare Minicomputer) erkennen den Standort des Trägers oder der Trägerin und warnen vor Gefahren. Allerdings: Werden Wearables wie etwa Smartwatches im Interesse des ArbeitnehmerInnenschutzes ausgegeben, so dürfen auch tatsächlich nur die dafür relevanten Daten an den/die ArbeitgeberIn weitergegeben werden. Bereits jetzt fühlen sich 46 Prozent aller digitalisiert Arbeitenden stärker überwacht als früher.

Psychische Belastungen werden in der Arbeitswelt der Zukunft vermutlich nicht kleiner werden. Neben der Angst vor massivem Jobabbau zeichnen sich einige Probleme bereits heute deutlich ab:

  • Bewertungssysteme, engmaschige zeitliche und sachliche Vorgaben und fortwährende Kontrolle sind schon jetzt in praktisch allen Branchen machbar bzw. im Einsatz. Diese hohe Fremdbestimmtheit erzeugt nachweislich Stress. Während in den Medien kreative, unkonventionelle und selbstständige Querdenkende als HeldInnen der Arbeit dargestellt werden, besteht durch die Digitalisierung das Risiko der (Re-)Taylorisierung von Arbeitsprozessen. Tätigkeiten lassen sich kleinteilig beobachten und – etwa mittels Computer-Sprachanweisungen – detailliert vorschreiben. Die Vergabe kleinster Programmier-Aufgaben etwa an ClickworkerInnen ist nur ein Beispiel dafür, wie Büroarbeit industrialisiert werden kann.
  • Der Druck durch neue Technologien kann zu Stress führen. Denn es fehlt die Sicherheit, Erfahrungswissen und Gespür nützen nicht mehr viel.
  • Die Digitalisierung brachte mehr Flexibilität. Doch um welchen Preis? Laut DGB-Index Gute Arbeit 2016 konstatiert jede/r fünfte Befragte bessere Vereinbarkeit. Aber ausgerechnet in dieser Gruppe gaben auch die meisten Beschäftigten an, dass ihr Stressniveau durch die Digitalisierung gestiegen ist.

Wie unsere (Arbeits-)Welt in 30 Jahren aussehen wird, kann niemand zuverlässig vorhersagen. ExpertInnen aller Richtungen sind bekanntlich nicht unfehlbar. Es geht darum, die Zukunft menschengerecht zu gestalten. In der Praxis ist es daher wichtig, den Betriebsrat frühzeitig, vor dem Einsatz neuer Technik und bei Veränderungen in der Arbeitsorganisation, einzubeziehen. Denn, so Hildegard Weinke: „So faszinierend technische Errungenschaften auch sein mögen, es ist höchste Zeit, die Auswirkungen dieser Möglichkeiten auf den Menschen und seine Gesundheit zu überprüfen.“

Wo die Zukunft schon begonnen hat

  • Losgröße 1: In der smarten Fabrik sind individuell gefertigte Produkte problemlos möglich. Ein deutsches Unternehmen bietet etwa eine Reinigungsmaschine in ca. 40.000 Variationen an.
  • Geräte können individuell melden, wenn sie gewartet werden müssen.
  • In Russland wurde ein komplettes Haus in nur 24 Stunden mithilfe eines mobilen 3-D-Druckers errichtet.
  • Im Jänner 2017 ersetzte eine japanische Versicherung 30 MitarbeiterInnen durch das Computerprogramm Watson, das Schadensmeldungen bearbeiten kann.
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