Gesunde Arbeit

„Unser bestehendes System im ArbeitnehmerInnenschutz hat sich bewährt“

Markus Wieser, AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB-NÖ Vorsitzender, im Interview.
Markus Wieser, AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB-NÖ Vorsitzender
„Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig ein qualitativ hochwertiges, gut funktionierendes und für alle zugängliches Gesundheitssystem ist.“ Markus Wieser, AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB-NÖ Vorsitzender
Markus Wieser Markus Wieser, AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB-NÖ Vorsitzender
Markus Wieser „Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig ein qualitativ hochwertiges, gut funktionierendes und für alle zugängliches Gesundheitssystem ist.“ Markus Wieser, AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB-NÖ Vorsitzender

Sehr geehrter Herr Präsident, Sie haben immer wieder betont, dass wir aus der Pandemie für die Arbeitswelt wichtige Lehren ziehen müssen.
Präsident Wieser: Genau, wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Corona-Krise hat einmal mehr offengelegt, wo die großen Herausforderungen in der Arbeitswelt sind. Erstens der Umgang mit einer sich stark verändernden Arbeitswelt, zweitens die Frage der Verteilung und drittens die Sicherstellung der Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen, allen voran natürlich im Gesundheitssystem.

Sie sprechen die Veränderung der Arbeitswelt an. Hat es die nicht immer gegeben?
Präsident Wieser: Ja, aber etwas hat sich in den letzten Jahrzehnten doch dramatisch verändert. Die Arbeitsstunden werden immer weniger, in gleichem Ausmaß erhöht sich aber die Produktivität. Deshalb geht es für mich ganz konkret darum, die vorhandene Arbeit gerecht aufzuteilen und allen Menschen ein Einkommen zu sichern, von dem sie auch gut leben können. Corona hat mit steigender Arbeitslosigkeit das Problem noch einmal ganz deutlich gemacht. Entweder wir handeln jetzt oder die Gesellschaft muss sich dauerhaft mit einem hohen Prozentsatz an Menschen abfinden, die an den Rand gedrängt werden und nicht am Erwerbsleben teilhaben können. Mit dieser Vorstellung kann und will ich mich nicht abfinden.

Und jene, die ihren Job nicht verloren haben, welche Auswirkungen der Pandemie sehen Sie für diese Kolleginnen und Kollegen?
Präsident Wieser: Unsicherheit und Existenzängste machen krank, das wissen wir aus zahlreichen Studien. Was wir jetzt brauchen, sind in jeder Hinsicht stabile Rahmenbedingungen. Da spreche ich aber nicht nur von den großen gesellschaftlichen Umständen, sondern auch von den ganz konkreten Bedingungen an jedem einzelnen Arbeitsplatz. Wir als AK machen gerade in der Beratung die Erfahrung, dass Tele- bzw. Heimarbeit nicht detailliert im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz festgeschrieben ist, zum Beispiel welche ergonomischen Anforderungen zu Hause notwendig sind. Wir brauchen jetzt klare Regeln, auch beispielsweise darüber, wer die Arbeitsmittel zur Verfügung stellt, wenn jemand von daheim aus arbeitet.

Hat sich aus Ihrer Sicht unser bestehendes System im ArbeitnehmerInnenschutz in der Corona-Krise bewährt?
Präsident Wieser: Absolut, wenn ich mir ansehe, wie vorbildlich in manchen Betrieben mit dem Thema umgegangen wird. Es sind eher einige Ergänzungen und Konkretisierungen, die jetzt vorgenommen werden müssen, um Schlupflöcher zu schließen. Es gibt etwa keine ausformulierte Pflicht, die Arbeitsplatzevaluierung mit besonderem Augenmerk auf die Risikogruppen vorzunehmen, was aber in der konkreten Situation viel Klarheit für die Betroffenen gebracht hätte. Oder die Ergänzung des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes um einen zu erstellenden Notfallplan, der auch Gefahren, die von außen drohen, einschließt, damit entsprechende Schutzmaßnahmen unverzüglich hochgefahren werden können.
Für mich ist außerdem klar: Wenn das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes am Arbeitsplatz verpflichtend vorgesehen ist, braucht es nach jeweils 50 Minuten eine „Maskenpause“ zur Belastungsreduktion und Regeneration von mindestens 10 Minuten.


Sehen Sie auch eine „neue“ Funktion für die Präventivfachkräfte?
Präsident Wieser: Ja, ArbeitsmedizinerInnen und Sicherheitsfachkräfte müssen den Beschäftigten auch für Beratung hinsichtlich ihres Tele- oder Heimarbeitsplatzes zur Verfügung stehen. Dieses Mehr an Aufgaben für die Präventivfachkräfte führt unweigerlich zu einer weiteren wichtigen Forderung: der Ausweitung der Präventionszeit. Nur so kann trotz der rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt das Schutzniveau beibehalten werden.
Und noch etwas ist mir hier ein besonders Anliegen: Jetzt wäre es an der Zeit, endlich die Arbeits- und OrganisationspsychologInnen als gleichwertige Präventivfachkräfte im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz zu verankern, gerade beim Wechsel vom Betrieb auf Homeoffice.


Sie haben eingangs die Frage der Verteilungsgerechtigkeit angesprochen.
Präsident Wieser: Schon vor Jahrzehnten hat man alle Abgaben wie die Sozialversicherungsbeiträge nur auf die menschliche Arbeit bezogen. Das ist gleich geblieben, obwohl heute auch mit Maschinen, Computern und Robotern hohe Gewinne erwirtschaftet werden. Es ist falsch, wenn ein Betrieb mit 200 Beschäftigten mehr Abgaben zahlen muss als einer, der den gleichen Gewinn mit nur 20 Angestellten und zehn Robotern macht. Das muss geändert werden.

Der dritte Bereich, den Sie angesprochen haben, ist die Versorgungssicherheit. Was meinen Sie damit?
Präsident Wieser: Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig ein qualitativ hochwertiges, gut funktionierendes und für alle zugängliches Gesundheitssystem ist. Wer bei der Gesundheit sparen möchte, gefährdet im buchstäblichen Sinne das Leben von uns allen. Es ist vielmehr notwendig, in den Gesundheits- und Pflegebereich weiter zu investieren, um auch in Zukunft für alle Fälle gerüstet zu sein. Auch die Schattenseiten der Globalisierung sind uns wieder deutlich vor Augen geführt worden. Engpässe bei lebensnotwendigen Medikamenten oder bei Schutzausrüstung müssen der Vergangenheit angehören. Daher ist für mich ein zentrales Anliegen, die Produktion dieser Güter wieder zurückzuholen nach Europa, Österreich und idealerweise natürlich nach Niederösterreich. Das schafft nicht nur Sicherheit, sondern auch Arbeitsplätze!

Wir danken für das Gespräch.

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