Gesunde Arbeit

„Wir wussten nicht, wie gefährlich das war“

Ehemalige Arbeiterinnen von Dupont ziehen den Chemieriesen zur Verantwortung.

Dutzende frühere Arbeiterinnen der Lycra-Fabrik in den Niederlanden führen mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft eine Auseinandersetzung mit einem Riesen der chemischen Industrie, DuPont. Sie machen das Unternehmen für zahlreiche Fehlgeburten, Gebärmutterentfernungen, Totgeburten und Krebs verantwortlich, die alle durch ein Lösungsmittel verursacht wurden. Eine Artikelserie von Pien Heuts.

Die Lycra-Fabrik von Dupont in Dordrecht (20 km südlich von Rotterdam) gibt es schon lange nicht mehr. Ab 1964 wurden dort Lycra-Fasern produziert. Die Fabrik wurde 2004 verkauft und 2006 geschlossen. Zurück bleibt eine Vielzahl an gesundheitlichen Problemen bei den Arbeiterinnen, die für Jahrzehnte dem fortpflanzungsgefährdenden Lösungsmittel Dimethylacetamide (DMA) ausgesetzt waren. Dieses flüssige Lösungsmittel wurde zur Herstellung von Kunstfasern verwendet, wie zum Beispiel das elastische Lycra, das besonders bei Sport- und Schwimmbekleidung, aber auch bei Unterwäsche zur Anwendung kommt.

Dieses Lycra wird vom Körper leicht durch Hautkontakt oder durch die Atmung aufgenommen. Die schädliche Wirkung, die es auf Frauen und Männer im fortpflanzungsfähigen Alter hat, war in den 1970er-Jahren bereits bekannt. Sie wurde auch in einem Manual von DuPont aus den 1980er-Jahren beschrieben, in dem außerdem die Notwendigkeit für persönliche Schutzausrüstung angegeben wird. Frauen, die in der Lycra-Fabrik generell ohne diesen Schutz arbeiteten, erlitten Fehlgeburten und Totgeburten, ganz zu schweigen von Schwangerschaftskomplikationen und Gebärmutterhalskrebs. Der Zusammenhang mit diesem Lösungsmittel wurde damals nicht hergestellt. „Wie hätten wir das auch wissen können?“, sagen diese Frauen heute. „DuPont schien ein guter Arbeitgeber zu sein, die Sicherheit haben sie ersichtlich ernst genommen und die Löhne waren hoch. Dordrecht war froh, einen US-amerikanischen Arbeitgeber dieser Größe in der Region zu haben.“


Es kann nicht nur Zufall sein
Jacob de Boer, Lehrbeauftragter am Institut für Umweltchemie und Toxikologie an der Freien Universität Amsterdam, hält es für undenkbar, dass niemand diesen Konnex hergestellt hat. Mit der Epidemiologin Marijke de Cock will er den Zusammenhang zwischen der DMA-Exposition und den Fertilitätsproblemen sowie den Schwangerschaftskomplikationen erforschen, an denen die früheren Arbeiterinnen und deren Kinder leiden. Die Erstellung dieser Studie könnte zwei Jahre in Anspruch nehmen, aber, so Jacob de Boer, über den Zusammenhang an sich besteht kein Zweifel. „Die Tatsache, dass sich so viele Frauen über ähnliche Symptome beklagen, wo sie ohne Schutz mit DMA gearbeitet haben, kann nicht nur Zufall sein.“

In den 1970er-Jahren hatte man durch Tierversuche bereits herausgefunden, dass dieses Lösungsmittel für Föten und für die Fortpflanzungsorgane schädlich war (fruchtschädigend und fortpflanzungsgefährdend), deshalb sollten Menschen im fortpflanzungsfähigen Alter nicht diesem Lösungsmittel ausgesetzt werden. Die Europäische Chemikalienagentur jedoch hat offiziell DMA bis 2014 nicht wirklich als besorgniserregend eingestuft.

Jacob de Boer ist wirklich schockiert: Wie Videoaufnahmen des Unternehmens aus 1986 zeigen, haben die ArbeiterInnen in der Lycra-Fabrik generell ohne Schutzausrüstung gearbeitet. „Man hat gewusst, dass DMA zu 40 Prozent über die Haut und zu 60 Prozent über die Atmung aufgenommen wird. Diese Menschen haben keine Schutzanzüge und keinen Gesichtsschutz getragen. Sie wurden unmittelbar den Dämpfen ausgesetzt, die von den Spulen des Lycra-Garns ausgingen. Die regelmäßigen medizinischen Untersuchungen waren eine Farce. Und die Aufsichtsbehörde hat durch Abwesenheit geglänzt.“


Unzureichende Aufsicht
Der holländische Toxikologe bringt als Beispiel den krebserzeugenden Stoff C8 (Perfluoroctansäure), der in der Teflon-Fabrik von DuPont verwendet wurde und dem die ArbeiterInnen und AnrainerInnen ausgesetzt waren. Der Zusammenhang zwischen der Exposition und dem hohen Prozentsatz an Krebs in der Region wurde erst kürzlich hergestellt. „Die Behörden sollten die chemische Industrie strenger überwachen und all die gefährlichen Substanzen besser identifizieren. Die Chemiebranche ist kreativ: Wenn einmal eine Substanz als besorgniserregend eingestuft ist, dann wird deren Struktur leicht modifiziert, um eine Alternative am Markt zu platzieren, und doch birgt dieser Stoff die gleichen Gefahren für die Gesundheit. Das ist ein profitables Geschäft. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was da noch auf uns zukommt.“
Der holländische Sozialminister forderte eine „eingehende Untersuchung“ der Aktivitäten von DuPont, was die Exposition von gefährlichen Arbeitsstoffen anbelangt. Die Rolle der Aufsichtsbehörde, des Arbeitsinspektorats (Inspectie Sociale Zaken en Werkgelegenheid, SZW), die dem Minister unterstellt ist, wird auch untersucht.
Die Arbeitsinspektion wird sich dadurch selbst untersuchen. Darauf angesprochen, erklärte die Behörde, dass sie nicht an der Vergangenheit interessiert wären, sondern daran, sicherzustellen, dass sich die chemische Industrie heute an die Gesetze hält.

„Mit dem Wissen, das wir heute haben, können wir Dinge erklären, die damals vielleicht nicht verboten waren. Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Bis die Ergebnisse der Untersuchung vorliegen, werden wir DuPont nicht kommentieren“, sagten sie nur. Was Dupont anlangt, halten diese sich an eine schriftliche Stellungnahme, in der sie erklären, dass die DMA-Werte, die in der Lycra-Fabrik aufgezeichnet wurden, nicht für gefährlich erachtet wurden und dass sie verantwortlich und gemäß verfügbarer Information gehandelt haben.


Grobe Fahrlässigkeit
Dutzende frühere DuPont-Arbeiterinnen der Lycra-Produktion sind zum „Büro für Berufskrankheiten“ (Bureau Beroepsziekten, BBZ) des Niederländischen Gewerkschaftsbundes FNV gekommen, das Marian Schaapman leitet. Das Ziel dieser Einrichtung ist, Gewerkschaftsmitgliedern, die an einer Berufskrankheit leiden oder die Opfer eines Arbeitsunfalls waren, zu unterstützen, indem das Unternehmen dafür verantwortlich gemacht wird und Entschädigung zahlt. Im Sommer 2016 hat das BBZ für die betroffenen ArbeiterInnen der ehemaligen Dupont-Fabrik eine Haftungsklage eingebracht. Dadurch wurde der Ablauf zum Einbringen einer Klage gehemmt. Frau Schaapman ist ebenfalls schockiert über das Ausmaß dieser Fälle.

„Wenn grundsätzlich gesehen gefährliche Arbeitsstoffe nicht als solche identifiziert werden, ist das ein Fall von grober Fahrlässigkeit.“ Obwohl Unternehmen in den Niederlanden verpflichtet sind, krebserzeugende, erbgutverändernde und fortpflanzungsgefährdende Arbeitsstoffe (CMR) zu registrieren, machen das aktuell nur 13 Prozent der Unternehmen.

Gestützt auf Interviews und andere Quellen, will das BBZ nachträglich die damaligen Arbeitsbedingungen in der Lycra-Fabrik rekonstruieren. Mit Unterstützung von Jacob de Boer wird der Zusammenhang zwischen DMA-Exposition und den gesundheitlichen Problemen anhand der Krankenakten der ehemaligen Arbeiterinnen aufgezeigt. „Die rechtlichen Ansprüche beruhen auf soliden Beinen, aber wir müssen sie noch mit weiteren Beweisen untermauern“, sagt Marian Schaapman. „Die Folgen einer DMA-Exposition sind in der Literatur sehr klar beschrieben: Fehlgeburten, Totgeburten, Blutungen und Eierstockfunktionsstörungen. Die Aussagen, die wir von diesen Frauen gesammelt haben, geben Zeugnis von einer Litanei an Leiden. Zu der Zeit konnten sie darüber nicht sprechen. DuPont war ein Unternehmen, in dem die Männer dominierten. Und zusätzlich hatten sie keine Ahnung von den Gefahren, denen sie ausgesetzt waren.“


Kollateralschaden
Die Erfahrung von Marian Schaapman ist, dass das vorrangige Ziel der betroffenen Frauen nicht finanzielle Entschädigung für das Leiden ist, sondern die Anerkennung der Fakten. Und dass sie einen Beitrag für mehr Prävention leisten wollen. „Es würde das Ansehen von DuPont heben, wenn sie ihre Haftung eingestehen. Ich möchte nicht ausschließen, dass sie die Gefahren unterschätzt haben. Und wir wollen das Verfahren nicht in die Länge ziehen. Es könnte ein Fonds eingerichtet werden, wie das für die ‚DES Kinder‘ (Kinder von Müttern, die Diethylstilbestrol genommen haben, um eine Fehlgeburt zu verhindern, und die mit gesundheitlichen Problemen geboren wurden ) oder für die Opfer von Asbest gemacht wurde. Diese Frauen und ihre Kinder haben ein Recht darauf, zu wissen, was genau passiert ist.“

Ihre 15-jährige Berufserfahrung im BBZ hat sie gelehrt, dass Unternehmen oft einen blinden Fleck haben, wenn es um die Gesundheit der ArbeiternehmerInnen geht. „Da schaut man oft darüber hinweg, die Arbeiterinnen kommen als Letztes. Ihre Krankheiten werden als Kollateralschaden gesehen“.

Autor: Pien Heuts, Journalist

Die Zeitschrift „HesaMag“ des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) berichtete in der Ausgabe 14/2016 über die gesundheitsschädigenden Auswirkungen des Lösungsmittels Dimethylacetamide (DMA), das in einem Unternehmen von DuPont in den Niederlanden zur Herstellung von Lycra verwendet wurde.
Wir bringen die persönlichen Geschichten von mehreren Betroffenenen als Artikelserie.

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